„So lang, daß sie nicht zuvor beendet sein dürfte, ist sie nicht, Herr Baron. – Ich saß eines Tages in einem Berliner Café und fand auf dem Platze neben mir ein mit Noten bedecktes Blatt, augenscheinlich erst ein Entwurf, denn es war viel ausgestrichen und verbessert. Ich nahm’s mit nach Hause. Und seither singe ich es jedesmal als Zugabe. Die Wirkung, die es zuerst auf mich ausübte, ist die gleiche geblieben.“
Sie waren sehr schnell vorwärts gegangen. Ohne, daß Eva von Ostried früher etwas davon gemerkt, standen sie vor dem Parkhotel. Mit einer abwehrenden Bewegung wandte sie sich zur Umkehr.
„Jetzt wäre es geradezu eine Beleidigung, wollten Sie uns verlassen,“ sagte Alvensleben entrüstet.
„Ich begreife nicht, was Ihnen an meiner Gesellschaft liegen kann, Herr Baron? Mir wäre es jetzt eine Qual in einem besetzten Raume zu sitzen,“ sagte Eva. „Das können Sie sicher am besten begreifen, Herr Baron. Der Regen hat aufgehört. Ich gehe zum Hildebrand-Brunnen. Wenn Sie beide mich dort später noch aufsuchen wollen, sollen Sie mich schon finden. Ein Stündlein bleibe ich bestimmt.“
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„Warum sind Sie so schweigsam, Kurtzig,“ fragte der Baron, als sie sich endlich unter dem geöffneten Fenster gegenüber saßen. „Sie sehen doch, ich ärgere mich auch nicht, obgleich mir eine ähnliche Abfuhr noch nicht vorgekommen ist. Wer mag wohl der Glückliche sein, der sie irgendwohin an ein Tischlein-deck-dich führen darf?“
„Es fällt ihr nicht ein, sich an den ersten besten zu hängen.“ Ralf Kurtzig erwiderte das in einer ihm sonst fremden Gereiztheit.
„Aber bester Meister, wer traut ihr denn eine Geschmacklosigkeit zu? Sicher ist er ein Auserwählter. Ob Adonis oder Künstler – oder gar beides vereint – das wage ich nicht zu entscheiden. Sie werden ihren Geschmack besser kennen.“
„Ihr Herz hat bestimmt noch nicht gesprochen.“ Das klang nicht mehr so sicher, wie das erste Mal. In der Stimme lag ein gequälter Ton, der den Baron aufhorchen ließ. Er kniff das linke Auge zu und hob spähend das gefüllte Glas empor.