„Na, sehen Sie wohl.“
„Mehr aber nicht!“
„Wozu das betonen. Lassen Sie. Wenn es uns noch hascht, will die Scham kommen und einen großen Zorn daraus brauen. Dabei, großer Gott! Was hat das Altwerden mit der Abkühlung der Gefühle zu schaffen? Die bleiben nicht nur. Nein, sie werden stärker und klarer, wie alter Wein, der doch auch den begehrtesten Rausch bringt. Danach gibt’s keinen Jammer. Fahren Sie nicht auf. Wer ihn kennt, wirklich kennt, der zieht ihn dem Most und dem feurigsten Heurigen allemal vor. – Und nun die Hand her, alter Sturmgeselle. Dafür darf keine Scham auf Lager sein. Das Einzige, was Sie bewegen kann, wäre ein großer und gerechter Stolz. Ich streite nicht mal ab, daß mir ein Neidgefühl hochsteigen wollte. Sehen Sie, so ehrlich bin ich Ihnen gegenüber. Und nun Schluß damit. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, mache ich noch einen Spaziergang an der Isar entlang. Vielleicht allein. Vielleicht auch nicht. Aber auf Ihre Begleitung rechne ich nicht. Sie gehen ja wohl nachher noch ein bißchen an den Hildebrand-Brunnen?“ – – –
Ralf Kurtzig spürte eine wohlige Wärme durch seine Adern glühen. Der Wein war gut. Und schließlich – der Alvensleben ein anständiger Kerl, von dem man sich auch mal eine kleine Entgleisung gefallen lassen konnte.
War’s denn überhaupt eine?
Sie sprachen jetzt eifrig von dem Winterspielplan, den der Baron schon bestimmt hatte. Ralf Kurtzig hörte ihm nur scheinbar aufmerksam zu. Seine Blicke irrten durch das geöffnete Fenster und suchten den Brunnen. Er saß träumerisch da und nahm kaum etwas von den Speisen.
„Dann trinken Sie wenigstens, Kurtzig.“ Und der Baron schänkte ihm fleißig ein. Dabei lag das wissende Lächeln eines, dem die Frauen keinerlei Ueberraschungen mehr bestreiten können, um seinen glattrasierten Mund. Mit dem verwöhnten Auge des Feinschmeckers kostete er die zunehmende Spannung in den geistvollen Zügen des ihm gegenüber Sitzenden behaglich aus. Er hatte doch stets das richtige Gefühl. Schon gestern kam ihm die Gewißheit, daß es nur eines Fünkchens bedürfe, um den Brand dieser späten Leidenschaft zu entzünden. Und dieser Funke war gefallen. Weiterer bedurfte es nach seiner Erfahrung nicht mehr. Ralf Kurtzig fühlte sich heiß, jung und sehnsüchtig. Und daran trug der schwere Oberungar den Löwenanteil.
„Ich denke, wir sind jetzt voll befriedigt,“ sagte er und ließ die Augen schärfer in die Ferne spähen.
Bereitwillig erhob sich der Baron.
„Das ist auch meine Ansicht. Man soll dem kühlen, grauen Tone dieses Abends etwas Rot auflegen. Besorgen wir das also.“