Vor dem Eingang des Hotels trennten sie sich. Ohne zu zaudern setzte Ralf Kurtzig seinen Weg in der Richtung auf den Hildebrand-Brunnen fort. Erst nach einigen Minuten blieb er stehen, riß den Hut herunter und ließ sich die müde, schwere Spätsommerluft um die Stirn gehen.

Was hatte er vor?

Es zuckte in seinen Armen, als wolle er Lasten heben und in die Lüfte emporwerfen. Seine hohe, edel geformte Stirn wurde flammend rot.

Er war ein Narr! Hundertmal war er zu diesem Mädchen gegangen – hatte auch wohl seine Hand gehalten – Rat erteilt – gescholten – und jetzt plötzlich? Der Wein war schuld!

Er hatte es im Untergefühl, daß sie schließlich nur ihn auf der Welt besaß, wenn sie auch noch niemals mit einander darüber gesprochen hatten. Zuerst war es das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülerin, später dasjenige eines Vaters zur Tochter, eines Freundes zur Freundin.

Noch einmal, Ralf Kurtzig, du bist ein Narr!

Aber wahr blieb’s trotzdem, daß der sechzigjährige Amfortas mit der Zwanzigjährigen über alle Maßen glücklich geworden war. Noch ein rosenrotes, dufterfülltes Spätglück.

Warum sollte es also ihm unmöglich sein? –

Was denn? Keinen Schritt weiter. Nicht zum Hildebrand-Brunnen. Nicht den Wahnsinn einer Stunde in das Leben einer tragen, deren einziger Freund und Schutz er werden durfte. Sich selbst nicht zum Bettler machen.

Und doch ging er weiter.