– – Eva von Ostried hatte sich noch ein kleines Abendessen nach oben bestellt. Es war inzwischen zehn Uhr geworden; viel Gutes stand also kaum mehr zu erwarten. Früher hätte sie nach einer ähnlichen Erschütterung gar nicht daran denken können. Jetzt wies sie das Pflichtgefühl, sich leistungsfähig zu erhalten, darauf hin und verlangte gebieterisch Gehorsam. Was sollte werden, wenn sie zusammenbrach, ohne zuvor ihre Schuld getilgt zu haben? –

Das Essen widerte sie an. Die Kehle war ihr wie zugeschnürt. Aber die Mattigkeit, die ihre Hände beim Zufassen erzittern ließ, zwang sie zur Vernunft. Außer der ersten Frühmahlzeit hatte sie heute noch nichts weiter genossen, als das hastig gelöffelte Fruchteis im Speiseraume des Prinzregenttheaters. Und morgen mußte sie doch frisch sein für die Reise und die anstrengende Tätigkeit in Berlin.

Mechanisch stocherte sie in dem „Karfiol“ herum und bemühte sich von den goldbraunen „Pflanzerln“ etwas in den Mund zu schieben. Es deuchte sie eine schwere Arbeit. Sie zwang alle Gedanken zu dem geschäftskundigen Herrn Alois Sendelhuber und konnte doch damit das Bild nicht verscheuchen, das überall auftauchte und ihr Empfinden peinigte. Die Erinnerung an den alternden Meister, der ihr einziger Freund gewesen war.

Warum schob sie ihn in die Vergangenheit? Er stand trotzig und stark im Leben und würde es überwinden! War sie mit ihrer entsetzten Verneinung, von welcher der Verstand nichts wußte, voreilig gewesen? Mußte es nicht ein wundervolles Ausruhen neben seiner reifen Persönlichkeit sein? Ein einziges dankerfülltes Streben, um ihm zu vergelten, daß er so eine wie sie...

Da war es wieder, was nun Stunden fest geschlafen hatte. Die heiße Gewissensnot, weil sie einmal gestrauchelt war.

Davon ahnte er nichts. Sie hatte auch niemals in Betracht gezogen, es ihm zu beichten.

Und doch mit dieser Lüge einen, der ihr seinen Namen geben wollte, zu belasten, war das nicht die zweite Sünde? Darüber hätte sie in diesem Fall hinwegkommen können, weil sie ihn nicht als den Erwählten ihres Herzens empfand. Nur, wo strömende, tiefe, gewaltige Liebe sich hingab, durfte kein Geheimnis walten.

Wie friedlich es wohl dauernd mit ihm sein mußte. Geborgen von seiner Stärke, getragen von der Abgeklärtheit seiner Lebensauffassung, gestützt von den Erfahrungen seiner ruhmreichen Vergangenheit. Konnte es eine bessere Erfüllung aller Jugendträume geben? Sie empfand plötzlich heftige Sehnsucht nach der Festigkeit seiner Stimme. Daneben stieß die Furcht vor dem ersten Wiedersehen nach dieser Stunde ihr Herz.

Drei Türen weiter wohnte er. Ob er endlich daheim sein mochte? Was würde sie tun, wenn er jetzt zu ihr treten und sagen würde, daß sie ihn nach diesem Scheiden nicht mehr wiedersehen werde, es sei denn, daß sie die drei Worte am Hildebrand-Brunnen zurücknähme.