12.
Als Eva von Ostried in die Mohrenstraße einbog, um Justizrat Weißgerber an seiner Arbeitsstätte aufzusuchen, klopfte ihr Herz zum Zerspringen. Alles Vergangene wurde wieder lebendig!
Der Vorraum wirkte immer noch wie ein mächtiges Abteil erster Klasse auf sie. Ueberall waren gradlinige, mit rotem Plüsch überzogene Sitzbänke aufgestellt. Nur der alte, würdige Bürovorsteher, der ihr einst die neuesten Tageszeitungen als Zeitvertreib freundlich gebracht, war einem jungen Kavalier mit aufstrebendem Haarwuchs gewichen, der zuweilen einem ältlichen, demütigen Fräulein eine Weisung zurief und jeder Kommende erhielt neuerdings eine Blechmarke zugeteilt, welche das Recht auf Gehör ausdrücklich verlieh.
Geduldig wartend saß sie, bis ihre Nummer aufgerufen ward.
Mit einer sorgsam zurechtgelegten Entschuldigung, daß ihre Zeit bisher keinen Besuch in seiner Privatwohnung gestattet habe, trat sie über die Schwelle, aber die Entschuldigung blieb ungesprochen. Der, welcher an alter Stelle vor dem wuchtigen Schreibtische saß, war nicht Justizrat Weißgerber.
Die Tatsache wirkte eigentlich erleichternd auf sie.
Das fremde kluge, ernsthaft männliche Gesicht flößte ihr sofort Vertrauen ein. Während sie auf eine einladende Handbewegung ihm gegenüber Platz nahm, fiel ihr die Farbe seiner Augen auf. Sie war tiefblau und so klar, wie der Himmel, wenn er vom Glanz der Sonne durchleuchtet ist. Seine Stimme freilich klang, im Gegensatz zu der des alten erfahrenen Juristen, unsicher.