„Natürlich!“ nickte sie, „sie hat mir ja nur Liebes und Gutes erwiesen.“ Und dann nach einer Pause: „Sie geben mir wohl Nachricht, wenn Herr Sendelhuber geantwortet hat?“

Irrte er, oder war sie plötzlich verändert?

Klang ihre Stimme kühl und fremd? Hatten ihre schönen sprechenden Augen den Ausdruck der Abwehr angenommen? Erregte es vielleicht ihr Mißfallen, daß er ihr seinen Namen noch nicht genannt hatte?

„Sie müssen doch wissen, wem unsere alte, gemeinsame Freundin jetzt dient, gnädiges Fräulein. Es ist ein gewisser Walter Wullenweber, bis vor zwei Jahren Königlich Preußischer Gerichtsassessor beim Landgericht 3.“

Sein Name erweckte ihr sofort die Erinnerung an den einstigen Vormund. Aber sie unterließ es nach einem Zusammenhang zu forschen. Daraus hätten sich Fragen ergeben können, deren Beantwortung einen scharfsichtigen Juristen zu allerhand für sie gefährlichen Schlüssen zwangen. Er würde es durch die alte Pauline ohnehin früh genug erfahren, wenn sie es ihm nicht bereits erzählt haben sollte.

Wenn er sich dann an den ehemaligen Vormund wandte, Fragen stellte, erfuhr, daß ihr gesamtes mütterliches Vermögen ein Nichts gewesen und die alte Pauline zu ihr schickte, damit die herausbringe, wie ihr das jetzige Dasein möglich geworden war?

Ihr schwindelte. Da war die Schuld wieder, die sich quälend an ihr rächte! Sie konnte es nicht länger unter seinem klaren, warmen Blick ertragen.

Hatte sie ihm die Hand hingereicht oder nahm er sie einfach? – Sie wußte es hinterher nicht. Sie spürte nur den kraftvollen Druck, der ihre Finger umschlossen gehalten, als wären sie ein frierendes Vöglein!