An einem Spätnachmittag, als sie aus dem theoretischen Unterricht, den ihr der bekannteste Musikpädagoge Berlins erteilte, zurückkehrte, lag ein Schreiben mit der Firma des Justizrats Weißgerbers und Rechtsanwalt Wullenwebers auf ihrem Arbeitstisch.
Eva von Ostried riß ihn auf. Mit einem Schlage zog wieder die köstliche Ruhe, die sie zuletzt in dem Sprechzimmer empfunden, in ihr Herz.
„Wir teilen hierdurch umgehend mit, daß wir soeben in den Besitz der Antwort auf unser Schreiben vom 6. d. M. gelangt sind. Herr Sendelhuber erklärt sich darin bereit, ohne sich unserer Ansicht von der Rechtsunwirksamkeit des mit Ihnen bezüglich des neunten Novembers geschlossenen Vertrages anzuschließen, gegen eine von Ihnen zu zahlende Entschädigung von 300 (dreihundert) Mark, seine Ansprüche bezüglich des genannten Tages, fallen zu lassen.
Wir halten, wie wir Ihnen seiner Zeit bereits mündlich ausführten, die eventuelle richterliche Entscheidung für Sie günstig. Setzen daneben aber unser Bestreben fort, diese Angelegenheit auf gütlichem Wege zu regeln. Zur Vereinbarung dieses Zweckes wäre uns Ihr Besuch in unserm Büro sehr erwünscht. Die Sprechstunden ersehen Sie oben...“
Sie ließ das Schreiben sinken und sah starr zu der herbstlich bunten Pracht des Parkes hinüber. Eine schwere Enttäuschung lähmte ihre Denkkraft für Augenblicke.
Es war nur gut, daß diese Zuschrift nicht den Schlußvermerk trug: „Privatgespräche werden in Zukunft höflichst verbeten oder entsprechend berechnet!“
Sie riß einen Bogen aus ihrer Mappe und schrieb hastig, daß sie keine Zeit zu diesem Besuch finden könne und es daher den Unterzeichneten überlasse, einen für sie möglichst günstigen Abschluß mit Herrn Alois Sendelhuber zu erzielen. Schlimmstenfalls sei sie zu der von ihm geforderten Buße bereit, denn zu einem Prozesse fehle ihr die Zeit, sowie das nötige Vertrauen zu ihrer Geduld.
Als sie ihren Namen darunter gesetzt und das Geschriebene überlesen hatte, schämte sie sich ihrer damit offenbarten Bitterkeit.
Und plötzlich wußte sie den wahren Grund ihres unruhevollen Wartens. Wie ein Schlag war dies, der sie betäubte. Wenn er mit lächelnder Duldsamkeit schon, als sie das erste Mal bei ihm gewesen, die richtige Deutung für ihr langes Verweilen gefunden und ihr nun keine Hoffnungen erwecken wollte?