Er sah sie aber doch. Und nahm ihre beiden Hände in die seinen.
„Ich flehe um ein ehrliches Wort.“
„Der Brief,“ sagte sie wider Willen, „ich dachte, Sie bereuten das Private.“
Er begriff nicht sogleich.
„Warum denn um Gottes willen.“ Und dann mit plötzlichem Verstehen:
„Den Zeilen, auf denen ein Dutzend fremder Augen ruhten, durfte ich nicht anvertrauen, wie es in mir aussah, während ich sie aufgab.“
Seine Stimme war plötzlich voller Jubel!
„Ein Dutzend fremder Augen,“ machte sie ungläubig, noch rosenrot vor Scham.
„Ja,“ nickte er eifrig. „Hören Sie einen Augenblick aufmerksam zu. – Durchschnittlich an jedem Tage gehen zwanzig bis fünfundzwanzig ähnlicher Mitteilungen heraus. Ich bediene mich dazu eines Apparats, nehme den Schalltrichter zur Hand und spreche hinein, was ich nach gründlichem Ueberlegen für richtig halte. Ein Referendar, der mir zur Ausbildung überwiesen ist, steht in vielen Fällen daneben und hört zu, nachdem ich die Sache zuvor mündlich mit ihm durchgesprochen habe. Oder, wie es bei dem Brief an Sie der Fall sein mußte, er selbst gab ihn auf, während ich als Obergutachter zuhörte. Danach kommt der Laufjunge und holt die Walzen ab. Das Fräulein in der Nische schreibt sie getreulich herunter. Mit Durchschlag natürlich, wie das in einem richtiggehenden Betrieb selbstverständlich ist. Die Kopie wird wiederum dem Laufjungen anvertraut, der in aller Heimlichkeit danach trachtet, sie zu lesen, weil er ebenso neu- wie lernbegierig ist. Der Schreiber, der sie in das betreffende Aktenstück einheftet – denn auch Sie haben bereits ein solches erhalten –“
„Hören Sie auf,“ bat sie kläglich.