Gretchen hatte Stunden, in denen ihr Herz ganz leicht war. Dann pflegte sie die Blumen, besorgte wie die guterzogene Haustochter einer sparsamen Bürgerfamilie, Zimmer und Küche und setzte sich darnach mit einer Handarbeit zu der wuchernden Kresse und den rotblühenden Feuerbohnen auf den kleinen Balkon.

Eva von Ostried war zu solchen Stunden nicht daheim. Ueber den Flügel lag eine Decke gebreitet. Es war alles verschwiegen und leise!

Und doch brauchte nur ein Klingelton zu rufen, dann war es anders! Zumeist öffnete Gretchen Müller nicht. Eva von Ostried schloß sich die Tür nach ihrer Heimkunft selbst auf.

Und jetzt klingelte es dennoch, stark und fordernd. Da entschloß sie sich nachzusehen. Eva von Ostried hatte von einer wichtigen Nachricht gesprochen, die ihr möglicherweise zugehen würde.

Als die Tür aufsprang, fuhr das Mädchen mit einem Schrei zurück. Ihre Arme streckten sich weit vor. Ihre Augen wurden starr vor Entsetzen. Ihr Peiniger, der Zerstörer ihres jungen Lebens stand vor ihr und trat fast lautlos herein.

„Diesmal hast du mir das Finden nicht eben leicht gemacht,“ sagte er in einem freundlichen Unterhaltungston.

„Geh’!“ stieß sie hervor, „oder –“

„Du stockst sehr richtig, mein Herz. Jedes weiteres Wort wäre zum mindesten eine Unvorsichtigkeit von dir.“

„Im nächsten Zimmer befindet sich meine Herrin. Sie muß sogleich herauskommen.“

„Warum nennst du sie nicht mit ihrem Namen? Eva von Ostried klingt doch sehr schön. Auch ist es eine Ehre für dich bei dieser hochbegabten Zukunftsleuchte Unterschlupf gefunden zu haben.“