„Du hast sie nie gekannt. Diese Rolle liegt dir schlecht.“
„Dann nenne es meinetwegen anders. Immerhin – besteht der Wunsch bei deiner Empfindlichkeit, etwas übrigens zu tun. Als ich dich kennen lernte, war ich noch nicht mal ganz fest verlobt. In aller Heimlichkeit nur. Und ich wußte noch nicht mit Bestimmtheit, ob überhaupt eine Ehe daraus würde.“
„Gibt es denn wirklich so viel reiche Mädchen, daß dir damals schon die zweite noch reichere in Aussicht stand? Lüge wenigstens jetzt nicht. Du warbst in aller Form um mich und gabst mir dein Wort. Oder habe ich mir dies alles nur eingebildet? Waren zuvor deine heißen Blicke und Huldigungen, dein Ehrenwort nur Lüge? Empfandest du nichts von jenen leidenschaftlichen Gefühlen, die du mir so oft geschildert hast?“
„Das sind viel Fragen auf einmal. Deine Frische hatte mich bezaubert. Diese entzückende Lebendigkeit – nicht nur in der Auffassung, sondern auch und besonders in der Wiedergabe alles Erlebten, Gehörten und Erschauten, war mir neu. Dazu kam, daß du aus sogenanntem guten Hause kamst. Ein Reiz mehr. Auch hattest du, obschon du keine Note kanntest, das feinste musikalische Gehör, was mir bisher begegnet ist. Meine Macht über Dich wurde unbegrenzt. Ich hätte dich zur Verbrecherin machen können, wenn ich gewollt.“
„Das hast du gefühlt?“
„Vom ersten Augenblick unseres Kennenlernens an. Weißt du noch? Wir standen eng zusammengekeilt vor der Kasse des Opernhauses. Da sprach ich dich an, weil du mir ausnehmend gefielst. Merkst du jetzt, wie diskret ich bin? Das Märchen von der ersten Begegnung im Hause der Kommerzienrätin hatte ich mir um deinetwegen so fest eingeprägt, das ich dies reizende Stündlein dir gegenüber vorhin zu erwähnen unterließ.“
„Mache meine Scham nicht noch größer,“ sagte sie mit zuckenden Lippen.
„Es ist ja auch belanglos. Das weitere will ich trotzdem kurz zusammenfassen. Auch um meinetwillen. – Sieh mal, als ich dich dann einen Monat später bei der musikalischen Rätin wiedersah und dir bei der Vorstellung zuflüsterte, daß wir niemand von unserer süßen Bekanntschaft erzählen wollten, warst du dazu bereit. Deiner lieben Familie war ich sogleich angenehm. Dein Bruder mochte mich absolut nicht. Dein Vater war ein ganz scharmanter Herr. Wir hätten uns sogar ausgezeichnet verstanden, wäre er nicht zufällig dein Vater gewesen. So witterte er in mir den Feind. Daß wir beide uns fortan in dem Hause der alten Musiknärrin auch gesellschaftlich begegneten, erleichterte die Sache natürlich. Glaube mir, ich hatte nicht daran gedacht, dich ins Unglück zu bringen. Erst, wie du mich um Hilfe gegen den fürchterlichen Geldsack anflehtest, da erwachte, ich könnte kurz sagen: die Ritterlichkeit! Es klänge großartig, stimmte aber nicht. Ich wollte den schweren Kerl ausstechen. Daneben dich natürlich auch von einem Los, das dir Grauen einflößte, bewahren.“
„Daneben – wirklich.“
„Ja, so war’s! Dann kam alles ein bißchen anders. Du machtest Dummheiten. Liefst kopflos von Hause weg, kamst zu mir als zu deinem einzigen Freund und so weiter. Und zurück – verzeihe mir, daß ich dies ausdrücklich feststelle – wolltest du unter keinen Umständen.“