Mit einer Kraft, die sie sich selbst nicht zugetraut hatte, schlug sie in das leichtsinnige, schöne Männergesicht. Die Scheine umflatterten ihn, lagen auf seinen Schultern, zu seinen Füßen. Mechanisch bückte er sich und sammelte sie auf. Neben dem Spiegel, der zu beiden Seiten auf rotgetönter Esche blanke, starke Kleiderhaken trug, hing die vergessene Reitpeitsche eines Schülers, der einen eigenen Gaul besaß. Die riß die bebende Mädchenhand herunter. –

– – Dann war sie allein.

Sie setzte sich wieder auf den Hocker neben die Truhe und rieb an ihrer Hand herum, als müsse sie einen Schmutzfleck entfernen. Sie weinte nicht. Sie nickte nur vor sich hin. Dann überkam sie jäh das Heimweh! Nach der engen dunklen väterlichen Wohnung, die sie oft genug hatte erdrücken wollen – nach dem Vater selbst – vor allem aber nach dem Bruder.

Daneben fühlte sie, daß dies unmöglich geworden war und von allen Schmerzen, die auf ihr lasteten, erschien ihr diese Gewißheit als die unerträglichste. Sie vergegenwärtigte sich das letzte, zukünftige Leiden mit seiner verstärkten dem Wahnsinn nahebringenden Sehnsucht. Und wußte doch, daß über ihre Lippen kein Ruf zu denen, die ihr einst zugehört hatten, dringen würde. Sie mußte für immer einschlafen, ohne an dieser Scham zu ersticken. Eva von Ostried, die Gütige, würde liebreich ihre Hände halten – wohl gar ihren Kopf auf das im letzten Kampf wildschlagende Herz betten – sie vielleicht sogar in die Arme nehmen. Dann war alles aus und überwunden.

Wenn sie Eva von Ostried alles vergelten könne, vorher!

Ihr kam ein Lächeln, als sie diesen Wunsch empfand. Wie wäre das jemals möglich? – –

„Heute nachmittag werden wir beide ein richtiggehendes Fest feiern,“ sagte Eva von Ostried, als sie, die sich sonst einer großen Pünktlichkeit befleißigte, viel später wie gewöhnlich heimkam.

„Darauf freue ich mich,“ erwiderte Gretchen Müller und ließ nichts von den stechenden Schmerzen merken, mit denen sie zu kämpfen hatte. „Wir lassen die Vorhänge herunter und dann singen Sie, ja?“

„Nein, meine Liebe, das werden wir nicht tun. Diesmal geht’s ins Grüne hinaus. Jawohl! Wehren Sie nur ab, zucken Sie zusammen, als erwarteten uns draußen eine Schar hungriger Wölfe. Ich bleibe steinhart. Wissen Sie, was der Arzt sagte, als ich ihn Ihretwegen befragte: „In erster Linie frische, gute Luft.““

„Ich habe heute lange Zeit auf dem Balkon zugebracht.“