„Ich will seine Vorzüge nicht verkleinern. Es ist angenehm, daß wir ihn haben. Einen vollwertigen Ersatz bietet er nicht. Das habe ich Ihnen übrigens schon mehrmals erklären wollen. Sie fanden aber stets neue Schönheiten und Annehmlichkeiten heraus und ich war nach der Tage Last zu müde, um Sie zu widerlegen. Aber heute! Wissen Sie, was wir anstellen werden? Die elektrischen Bahnen sind überfüllt. Zum Wandern ist es zu weit. Also nehmen wir stolz einen Wagen.“
Um keinen Preis wollte sie die feinfühlige Kranke merken lassen, daß sie vor jeder Anstrengung ängstlich behütet werden mußte. Gretchen Müller empfand es aber doch.
Es war diesmal nicht Bescheidenheit, die sich ängstlich weigerte, mitzutun, sondern die durch das heutige Erlebnis noch verstärkte Furcht von früheren Bekannten oder gar von ihren nächsten Angehörigen gesehen und erkannt zu werden.
„Wenden Sie nicht ein, daß es eine arge Verschwendung wäre,“ begann Eva von Ostried von neuem, „ich für meinen Teil bedarf dieser Abwechslung wahrhaftig ebenso dringend. Natürlich wird die Fahrt zum Grunewald hinausgehen. Irgend ein Tischlein am Wasser muß sich finden lassen. Wir werden uns einbilden, daß wir im eigenen Park säßen und die Dienerschaft ein wenig beurlaubt hätten, um recht ungestört zu sein.“
„Ich kann nicht mitkommen,“ sagte Gretchen Müller mit eintöniger, müder Stimme.
Da begriff Eva von Ostried, daß sie die Angst, die sich aus dem Zucken der feinen Lippen offenbarte, beschwichtigen müsse. Jedes Wort hätte geschmerzt. Jede Aufmunterung zur Beherrschung nur noch eine vergrößerte Scheuheit hervorgerufen. Und sie wollte doch heilen. So begann sie leise ein uraltes Reiselied zu summen:
Wir ziehen vermummt durch Stadt und Land
Von Freund und Feinden unerkannt..
Juvivallera – Juvivallera – –
„Ich kann nicht,“ wiederholte der blasse Mund.