Noch einmal glitt sein Blick prüfend darüber hin. „Ich kannte die Frau meines Vorgängers nicht persönlich,“ meinte er endlich und es klang wie eine Entschuldigung. „Sie muß sehr schön gewesen sein.“
„Vielleicht befragen Sie deswegen die paar alten Leute, die sich ihrer gewiß noch erinnern.“
Das klang eiskalt und schnitt eigentlich jede weitere Frage ab. Der Schloßherr wollte es nicht empfinden. Er blickte immer noch, von dem unvergleichlichen Reiz der beiden aneinandergeschmiegten Köpfe gefesselt, auf das Bild von Mutter und Tochter.
„Sie sind scheinbar ein Frauenverächter, Herr Amtsrat.“
„Wieso? Weil ich mich im ersten Augenblick von Ihrer Frage abgestoßen fühlte? Sie sollen sich nichts falsches vorstellen. Für mich ist Frau von Ostried die Schönste auf der ganzen Welt gewesen und geblieben.“
Er mußte dies sagen, weil er kein anderes Mittel kannte, um die ihm zudringlich und lästig werdenden Fragen abzuwehren. Der Schloßherr begriff. Es war alles durchaus verständlich. Der leichtsinnige Schloßherr, der sich nicht um die Seinen bekümmert hatte, auf der einen Seite. Dieser biedere, brave Mann, der gewiß nur seine Augen und Ohren für die kränkelnde, vom eigenen Gatten vernachlässigte Frau bereit gehalten, auf der andern! Dazu diese strenge Abgeschlossenheit von Welt und Leben.
Unangenehm blieb einzig, daß die Schönheit auf dem Pastellbild den alten Namen trug wie er und der Kummersbacher, das Mitglied des Herrenhauses auf Lebenszeit, und die Vettern Exzellenz, der Generalleutnant und der Wirkliche Geheime Rat, sowie die andern der Familie. Schließlich hätte man sich auch damit im Lauf der Jahre abgefunden, wenn dies verblüffend reizende Gesicht neben der großäugigen Frau, das irgendwo in Berlin herumlief, nicht immer noch weiter zur Familie gehörte. Die Tatsache, daß Eva bei dem Einladen zum Familientag unmöglich übergangen werden durfte, bewies es deutlich. Ein Gesicht wie dieses, selbst wenn es den kindlichen Zauber eingebüßt, machte es der Trägerin doppelt und dreifach schwer, ohne Aufsehen durch die Welt zu kommen.
„Wann haben Sie Eva von Ostried zum letzten mal gesehen, Herr Amtsrat,“ forschte er aus diesen Gedanken heraus.
Der alte Wullenweber fuhr erschrocken zusammen. So tief hatte er sich mit der heraufbeschworenen Vergangenheit beschäftigt.