„Ja, wo ist er?“

„Im Briefkasten, Herr Rechtsanwalt. Das war meine erste Arbeit, als ich wieder zu Haus war!“

16.

Hinter Eva von Ostried lag ein Tag und eine Nacht voller Kampf und Entsagen! Die scharfen Augen der alten Pauline hatten sich nicht getäuscht. Es war wirklich ihre Hand gewesen, die sich, wiederwinkend, hinter dem Fenster erhob. In jenem Augenblick war ihr das Leben wie ein mächtiger Strom, der sie reißend schnell zum Glück führen wollte, erschienen. Sie empfand nicht länger in der Nahenden die unerträgliche Mahnerin an einen begangenen Treubruch...

Ihre Hand, die nur matt den Gruß erwiderte, war auch nicht schwach geworden, weil sie sich fürchtete. Das kam erst später. Sie war selbst zur Tür geflogen, um der Kommenden zu öffnen. Sehnsüchtig wartete sie ihres ersten, auf der Treppe hörbaren Schrittes. Als er dann endlich vernehmbar wurde, vollzog sich mit einem Schlag der Wechsel von höchster Seligkeit zum tiefsten Entsetzen.

Erst jetzt kam die eigentliche Strafe für ihre Schuld. Alles bisher Durchlittene war nichts gegen dieses. Erinnern und Reue und Bußbereitschaft.

Ihr Kampf währte so lange, bis die Schritte Rast machten. Da war er wider sie entschieden. Sie schleppte sich ins Zimmer zurück. Nur so viel Kraft hatte sie noch gefunden, um der Hausgenossin, die sich schon beim ersten Klingelzeichen zur Tür begeben hatte, das Oeffnen zu verwehren.