Stundenlang lag sie danach blaß und starr auf dem Ruhebett.
Dann kam Walter Wullenwebers Brief.
Sie preßte den Brief an die schmerzende Brust, als sei sie gewiß, damit lasse sich das Stechen und Bohren lindern. Und plötzlich preßten sich ihre Lippen auf die Buchstaben.
Das Heimweh war wieder da. Das brennende, wilde Heimweh! Was sollte nun werden? Eva von Ostried wußte, als sie den Brief gelesen, daß sie täglich und stündlich auf ihn gewartet hatte! Ungezählte Mal wiederholte sie sich die Worte seiner Liebe. Und dennoch haftete keines in ihr, außer den wenigen: „.. Sie sind rein. Ich weiß es!“
Was sie in München nach Ralf Kurtzigs unerwarteter Werbung zum ersten Mal empfunden hatte, daß sie dem Mann ihrer Liebe jenes furchtbare Geheimnis enthüllen müsse, ehe sie die Seine werden könne, wurzelte bereits fest in ihr. Walter Wullenweber sollte wissen und richten! In seine Hände wollte sie die Entscheidung über ihr Schicksal legen.
Und dann erschien es ihr doch unerhört grausam. Sie suchte unentwegt nach einem barmherzigen Ausweg.
Er würde sie verachten! – Vielleicht war seine Liebe aber so heiß, daß er sie dennoch zu seinem Weibe machte?
Ja, und deshalb sollte er dies wissen!
Aber als sie die Feder eintauchte, beschloß sie, es ihm zu verschweigen. Denn nun war ihr unbändig heißer Stolz erwacht. Eine glaubhafte Erklärung, woher die Mittel zu ihrem Studium stammten, würde sich finden lassen. Was wußte ein lediger Mann von den Kosten einer Haushaltungsführung aus dem Nichts – von der Notwendigkeit aller sonstigen Anschaffungen. Schlimmstenfalls konnte sie ihm von jetzigen großen Einnahmen durch Schüler und Konzerte sprechen und das Ueberwinden des ersten Jahres nach dem Tode der Präsidentin durch die vorhandene kleine Erbschaft und reiche Selbstersparnisse erklären. Sein Vertrauen war groß genug, um ihr alles zu glauben. Es erschien ihr unerschöpflich wie ein Brunnen über der springenden Erdquelle.
Das ging aus seinem Briefe hervor.