Er dachte einen Augenblick daran, ihr einfach von einer dringenden beruflichen Zusammenkunft zu erzählen, die ihm morgen sehr viel Zeit fortnehmen würde. Dann aber schob er diesen Gedanken vorläufig zurück. Vorsichtig begann er das herbeigeholte Buch aufzuschlagen und fuhr mit den Fingern über die einzelnen Gedichte, als liebkose er sie.
„Hören wir mal die Epigramme, die der Meister in Venedig schuf.“ Und er begann träumerisch und weich das Dritte:
Immer hat mich die Liebste begierig im Arme geschlossen,
Immer drängt sich mein Herz fest an den Busen ihr an.
Immer lehnt ihr Haupt an meinen Knien. Ich blicke
nach dem lieblichen Mund, ihr nach den Augen hinauf.
Sie war wie berauscht. Die Freude, weil dieser Begnadete ihr gehörte, beschleunigten ihren flatternden Herzschlag noch mehr. Dies zarte Geständnis – auch seiner Liebe – entschädigte sie für vieles, um das sie zuweilen andere junge Frauen glühend beneidete. War ihr Glück dafür nicht auch tausendmal vielfältiger und reicher?
Als er jetzt verstummte, wollte sie so fröhlich lachen, wie er es gern hatte, einen Scherz versuchen, damit die von ihm bespöttelte Weichheit fernblieb.
Und sie konnte doch nur haltlos und überglücklich weinen! Es half nichts, daß sie sich sofort seine lebhafte Abneigung gegen alle Tränen, die nicht auf der Bühne vergossen wurden, klarmachte. Unaufhaltsam strömten die Tropfen über ihr Gesicht und löschten alle trügerische Frische fort.