Und ohne sich durch den abweisenden Ausdruck der meisten Gesichter beirren zu lassen, stellte er sie einzeln vor.
Schlank und stolz stand Eva von Ostried neben der breitschultrigen Gestalt und neigte ihr Haupt nicht tiefer, wie sie das in allen andern Fällen getan hätte, denn es streckte sich ihr keine Hand entgegen. Die weiblichen Mitglieder beachteten sie anscheinend überhaupt nicht. Nur die Männer spähten verstohlen nach ihr hinüber. Ihre Schönheit wirkte verblüffend auf sie. Die gesuchte Einfachheit ihrer Kleidung hob die knospenden Formen auf das Vorteilhafteste. Die ausdrucksvollen Augen leuchteten aus dem sanften Elfenbeinton der weichen Haut und in dem Nußbraun ihrer Flechten spielten goldene Lichter.
Horst Waldemar, der Majoratsherr, sah von seiner Höhe herab prüfend auf die neue Nachbarin. Er mußte zugeben, daß er sie sich anders vorgestellt hatte. Zwar mußte er nach dem Bilde, das sie im Kindesalter neben ihrer Mutter zeigte, auf ein hübsches Gesicht gefaßt sein.... diesen außerordentlichen Reiz mit einer sichern und nicht nur gespielten feinen Vornehmheit gepaart, hatte er nicht erwartet. Seine Ansicht über die Tochter seines Vorgängers wurde dadurch natürlich keineswegs geändert. Nach wie vor empfand er ihre Zugehörigkeit zur Familie, die, mochte sie auch jahrelang nicht hervorgetreten sein, eine Stunde wie die jetzige, zweifelsfrei feststellte, als peinlich. Bisher hatte er noch nicht mit dem Mitglied einer Bühne unter den Augen seiner weiblichen Verwandten an dem nämlichen Tisch gesessen. Trotzdem sprach er sie jetzt an.
„Ich werde mir nächstens gestatten, in einer geschäftlichen Sache an Sie heranzutreten, gnädiges Fräulein.“
Sie betrachtete ihn erstaunt. Er hatte das kühle wesenlose Gesicht eines Menschen, der sich im Widerspruch mit den Schnörkeln und Haken seiner Handschrift befand. Sie war überzeugt, daß er sehr genau mit sich und seinen Wünschen Bescheid wußte. Kühl und knapp antwortete sie ihm, während doch ein eisiges Erschrecken sie anpackte. Es war sehr möglich, er kam ihr noch mit unbeglichenen Forderungen aus ihres Vaters Schuldkonto.
„Sie können es einfacher haben. Ich bin schon heute bereit, Sie anzuhören.“
Er verneigte sich verbindlich. „Hoffentlich finde ich nachher Gelegenheit dazu. Jetzt ergreift aber Vetter Exzellenz endlich das Wort!“
Der Generalleutnant holte tief Atem, sah jeden Anwesenden, außer Eva von Ostried, fest an, um sich das Nennen der einzelnen Namen zu ersparen und begann: „Uns Andern ist die Vorgeschichte unseres Verwandten Edgar von Ostried-Javelingen zur Genüge bekannt. Denn wir gewährten ihm die Mittel zum Studium. Ich spreche dies also für das fremde Mitglied. Die Studien hat er mit Abschluß des nötigen Examens ordnungsgemäß und rechtzeitig erledigt. Leider mußten wir danach noch einmal eingreifen, und diesmal ungebeten. Er wollte nämlich eine Stellung als Regisseur annehmen. Bei einem Theater.“ Hier räusperten sich die gnädigen Großtanten vernehmlich und die Zwillinge kicherten verschämt auf. „Das war natürlich, so lange er sich offiziell zu uns bekannte, nicht tunlich. Wir wiesen ihn auf die Tätigkeit des privaten Schriftstellers hin, die auch seiner angegriffenen Gesundheit zuträglicher war.“
„Darum pfeift er nun wohl auch auf dem sogenannten letzten Loch,“ warf der Kummersbacher trocken ein. Der Einwand blieb aber unbeachtet und die Exzellenz fuhr fort: