„Er hat in unserm Auftrage die Familiengeschichte unseres Geschlechts neu bearbeitet. Selbstverständlich unter Zugrundelegung alter, zuverlässiger Quellen. Sie ist gedruckt und bei dem Verlage Müller und Schulze in Berlin für 22 Mark jederzeit zu beziehen. Was er sonst noch geschrieben hat, weiß ich nicht. Mir hat er einmal ein Drama zugeschickt, das mir Anlaß zu einem sehr ernsten Brief gab. Jedenfalls befindet er sich zur Zeit in schlechter Vermögenslage. Darum hat er den Antrag gestellt, die für bedürftige und würdige Mitglieder auf 5234 Mark angewachsene Summe verliehen zu erhalten. Ich für meine Person hege keine Bedenken, sie ihm zuzuwenden. Der Tatbestand wäre hiermit erschöpft. Ich bitte zur Abstimmung zu schreiten. Etwaige Gegengründe sind möglichst kurz vorzutragen.“
Hermine von Ostried, die älteste der Großtanten stand wuchtig und herausfordernd auf.
„Er selbst bezeichnete sich mir gegenüber als einen freien Künstler. Das schickt sich meiner Ansicht nach nicht für ein Mitglied unseres Hauses. Was ist das überhaupt? Die Zigeuner, die einst von meinem seligen Herrn Vater die Erlaubnis zum Aufschlagen ihrer Buden, in denen sie dressierte Affen und Seiltänzer zeigten, nachsuchten, nannten sich ebenso. Ich muß darauf bestehen, daß er zuvor ausdrücklich verspricht, einem heute ebenfalls noch festzusetzenden Konsortium jede seiner Arbeiten vor Drucklegung zu unterbreiten. Denn vor der Welt decken wir ihn doch sozusagen.“
Eva von Ostried, für welche die Rede mehr wie für den siechen Dichter bestimmt war, der irgendwo im Nebenzimmer auf die Entscheidung wartete, um nachher sein gerührtes „Danke schön“ zu stammeln, lächelte freundlich.
„Darf ich um das Wort bitten, Exzellenz,“ fragte sie plötzlich sehr höflich, als eine kurze Pause entstand.
„Ich war noch nicht fertig,“ sagte die Stiftsdame hochmütig und empört über die offensichtliche Belustigung auf dem schönen Gesicht.
„Du bist also nicht für eine bedingungslose Hingabe, beste Hermine,“ warf der Generalleutnant ungeduldig hin.
„Das habe ich nicht ausdrücken wollen, Jeschko. Ich wollte lediglich meinen Standpunkt darlegen.“ Und dann fuhr sie lang und breit in ihrer Rede fort, ohne daß ihr jemand aufmerksam zuhörte.
„Diese Summe hätte zwar ebenso gut dem Familiengesetz nach einer der ledigen Töchter unserer Familie zugeführt werden können, aber meinetwegen mag er sie nehmen,“ äußerte sich ein „Vortragender Rat“ etwas mißgünstig. Seine Gattin stieß ihn kräftig unter dem Tisch an dasjenige Knie, in dem sich zur Zeit grade der Ischiasnerv unerträglich regte.