„Ich bitte dich, diese Taktlosigkeit in Gegenwart des Waldesruher. Es ist furchtbar mit dir...“ Die hochblonde Ingeborg saß hilflos und errötend da, denn sie hatte begriffen, daß diese Bemerkung auch sie anging. Ihr Gesicht wirkte sehr weiß und rot. Die Augen hatten den starren ausdruckslosen Blick hübscher Wachspuppen. Die kräftige, ebenfalls sehr weiße Zahnreihe leuchtete hinter den rosa Lippen auf, auch wenn sie, wie jetzt, schwieg.

Ein „Regierungsassessor“ murmelte etwas von „unsereinem hätte es auch schon hundertmal bitter not getan,“ aber es wurde dann ohne weiteres Einreden zur Abstimmung geschritten und der Diener des Kummersbachers erhielt den Auftrag, Herrn Doktor von Ostried Javelingen herein zu bitten.

Eva von Ostrieds Blicke richteten sich voll warmen Mitleids auf den Eintretenden. Er sah hager und verfallen aus. Seine Kleider saßen schlotternd. Seine Hände waren wie vertrocknet. Aber in seinen dunkelblauen Augen brannte ein helles Feuer. Er stand neben dem Generalleutnant, Exzellenz, doch sah er eigentlich nur die Fremde in diesem ihm sonst wohlbekannten Kreise. Sein Dank war verworren und längst nicht so überströmend, wie das zu erwarten gestanden hätte. Er schämte sich vor dem fremden, ihm über alle Begriffe schön dünkenden Mädchen.

Nun war die Hauptsache erledigt!

„Du wolltest vorher etwas sagen, Base Eva, wenn ich nicht irre“..... Die jünglingsklaren Augen des Kummersbacher winkten ihr aufmunternd zu, als verhießen sie: „Nimm kein Blatt vor den Mund. Ich halte deine Kante!“

In Eva von Ostried war allerdings bei den Worten des Stiftsfräuleins Hermine heller Zorn emporgelodert. Die versteckte Art, mit der hier mehr über sie wie über den armen, krankaussehenden Dichter der Stab gebrochen wurde, erschien ihr verächtlich. Nun aber das erste Feuer niederglimmen mußte, ohne zu strafen, fühlte sie die alte matte Gleichgültigkeit.

Der Regierungsassessor erwachte aus seiner Schläfrigkeit und späte erwartungsvoll nach ihr hin. Irrte sie oder zuckte in seinen Mundwinkeln ein feiner, überlegenener Spott, der ihrem Schweigen galt? Raffte sie sich jetzt nicht zum Sprechen auf, durfte sie keinen Augenblick länger verweilen. Denn sie konnte sonst eine nicht mißzuverstehende Aufforderung zum Verlassen dieses Zimmers durch die Stiftstanten oder durch die soldatische Exzellenz erwarten.

Deshalb erhob sie sich jetzt doch.

„Ich wollte mich, als einzig dazu Berechtigte, in Abwesenheit des Angegriffenen gegen die Mißachtung des freien Künstlers wehren,“ sagte sie ohne Erregung. „Nun aber ist ja der davon Betroffene selbst dazu imstande. Wenn mir erlaubt wird, ihm kurz zu sagen, was von der Stiftsdame Hermine behauptet wurde...“

„Dagegen protestiere ich,“ schrie die Angegriffene in maßloser Erregung.