„Es ist nicht Sitte, daß aus der geheimen Familiensitzung nachträglich dem dabei nicht zugezogenen Hauptbeteiligten Eröffnungen gemacht werden,“ entschied der Generalleutnant.
„Ich weise darauf hin, daß ich dies während der Beratung abmachen wollte.“ Eva von Ostrieds Zurückweisung des ihr gemachten Vorwurfs klang durchaus sachlich. „Nachdem ich von dem Tadel des Herrn Generalleutnants Kenntnis habe, verzichte ich auf jedes weitere Wort.“
„Ich verlange, daß du sprichst,“ sagte der Kummersbacher streng und scharf. Die andern kannten diesen Ton. Wenn er sich dazu verstieg, pflegte er nicht früher Ruhe zu geben, als bis er seinen Willen bekam. Eine kleine Pause entstand.
„Vetter Javelingen könnte ja noch mal abtreten,“ schlug der Regierungsassessor lässig vor.
„So sprechen Sie denn, wenn es durchaus sein muß,“ erlaubte der Generalleutnant kurz. Und Eva von Ostried fuhr fort:
„Es wurde vorher also der umherziehende Zigeuner dem freien Künstler gleich erachtet. Das empfand ich an sich als keinen Schimpf. Auch der heimatlose Ungar kann sehr wohl etwas von dem Gottesgeschenk in sich haben. Ich richte mich gegen den Ton, in welchem der Vergleich vorgebracht wurde. Er strebte die Herabsetzung und Verächtlichmachung des Künstlerstandes an. Empfindlichkeit liegt mir ebenso fern wie der Wunsch, nach diesem Tage vielleicht einen engeren Zusammenschluß an die Familie, welcher ich entstamme, zu erstreben. Wenn aber die Rednerin auch den abwesenden Dichter vorschob, so richtete sie in Wahrheit ihre Angriffe gegen mich. Dabei war sie klug genug, meinen Namen nicht klar zu nennen. Besäße ich einen brüderlichen oder väterlichen Freund, würde ich diesen zur Erwiderung auf schriftlichem Wege veranlassen. Aber ich stehe ganz allein. Nun ist es mir darum zu tun, an derselben Stelle, die mich beleidigen wollte, zu antworten. Kurz meinen Lebenslauf, seitdem ich Waldesruh verließ: Der Freund meines Vaters übernahm meine Ausbildung zur Bühnenkünstlerin. Sein bedeutender Ruf verbürgte die Richtigkeit seines Urteils. Nachdem er unerwartet starb und mein Vormund, Amtsrat Wullenweber auf Hohen-Klitzig, seine Erlaubnis zum Weiterstudium versagte, nahm ich verschiedene Stellungen als Kinderfräulein und Gesellschafterin an. Zeugnisse darüber sind vorhanden. Zuletzt weilte ich drei Jahre bei Frau Präsident Melchers. Ueber diese Zeit erteilt Justizrat Weißgerber Auskunft.“
Der Waldesruher Majoratsherr, der bis jetzt mit leicht gesenktem Kopf vor sich niedergesehen hatte, streifte sie mit einem raschen Seitenblick. Famos sah sie aus und ganz famos sprach sie auch. Trotzdem würde sie von der Familie nach diesem wohl ebenso wenig beachtet werden wie bis dahin. Und er schien das Interesse für ihre Ausführungen zu verlieren.
„Frau Melchers starb auf einer Reise nach Pommern am Herzschlag und ich, die inzwischen mündig Gewordene, beschloß, endlich meinen sehnlichsten Wunsch, die Ausbildung zur Bühne, fortzusetzen.“
„Woher hat sie das Geld dazu genommen,“ tuschelte das jüngere Stiftsfräulein ihrer Schwester neugierig zu.
Eva von Ostried fühlte, daß sie schwach werden wollte. Nun kam der dunkle Punkt! Und es hieb alles wieder auf sie ein... Die Not des Gewissens glühte – die Angst bis an’s Lebensende unter dieser heimlichen Schmach zu leiden ... Einen Augenblick gab sie ihre Sache verloren. Dann erwachte ihr Stolz. „Meinem Gott und mir... und ihm, den ich liebe, bin ich Rechenschaft schuldig. Diesen nicht...“ Und sie sprach weiter: