Der schmale Dichter, der auf seiner andern Seite saß, während zu seiner Linken die schweigsame Gemahlin des Vortragenden Rates thronte, fuhr zwar zusammen, denn er hatte mit seligen Augen von einer lichten, schönen Frau geträumt, die bei ihrem Sohn in Waldesruh dereinst die alte Heimat wiedergefunden. Als ihn aber die wortlose, donnernde Rede vollends aus allen Träumen gerissen, als er begriff, wem dies galt, leuchteten seine Augen strahlender und seine Seele band sich fest an den alten, aufrechten, knorrigen Mann, der seinem Zorn jetzt auch Worte verlieh.
„Keinen Mucks weiter! Hörst du?! Ich verbiete es dir! Du hast es dein Leben lang gut verstanden, aus dem Hinterhalt zu geifern. Die dir gehörig Bescheid tun könnte, ist nicht mehr da. Warum sie sehr bald schon gegangen ist? Klar genug für einen, der ein bißchen nachdenken kann. Ihr Frauen habt sie gemieden, als ob sie eine Pestkranke wäre. Was hat sie Euch getan? – Antwort! Sie hat nichts von Euch erbettelt und Euch damit das Recht vor der Nase weggeschnappt, sich um sie zu bekümmern... ihr das Leben zu vergällen, wie Ihr das über alles gern besorgt hättet. Warum sage ich eigentlich „Ihr“? Ich meine ja nur dich, Hermine. Denn deiner armen Schwester Seele hast du, falls eine in ihr gesteckt haben sollte, allmählich schon bei Lebzeiten aus ihrem mageren Körper vertrieben. Es ist auch entschieden bequemer für dich.“
„Es ist ein Fremder mit uns am Tisch,“ flüsterte der Vortragende Rat ihm beschwörend zu, „nimm Rücksicht darauf, Kummersbacher.“
„Das hätten die gefälligst bedenken sollen, die ihn angeschleppt brachten. Im übrigen ist er Jurist und hält Verschwiegenheit. Herunter muß auch noch das andere. Sie hat sich allein durchgerungen, sage ich dir. Schwer genug mag das manchmal gewesen sein. Und wenn selbst nicht... wenn das Geld aus einer uns unbekannten Quelle geflossen wäre...“
„Das ist unstreitig,“ rief die Angegriffene... „und zwar aus einer unsauberen.“
„Wage das nicht ein zweites Mal auszusprechen! Ich bringe dich sonst wegen Verleumdung vor das Gericht. So wahr ich hier stehe...“
„Du hast es ja soeben selbst angedeutet...“
„Weil es dir besser paßte, hast du mich nicht zu Ende kommen lassen. Ich verbürge mich dafür, daß die Quelle rein gewesen ist. Jawohl! Und wenn du sie noch durch ein einziges Wort – gleichviel ob offen oder versteckt – herunterreißt ... bei Gott... ich räche sie! Zudem braucht sie wenigstens in Zukunft kein Geld mehr aus irgendwelchen Quellchen. Meines ist da und jederzeit für sie bereit. Es hat mich schon längst bedrückt. Wenn sie auch vorläufig noch nicht will, sie muß und sie wird schon, sage ich dir. Und Euch Allen hiermit!“
Der Vortragende Rat, Exzellenz, der den Kummersbacher seiner Zeit aus guten Gründen um die Uebernahme der Patenschaft bei seinen Töchtern erfolgreich gebeten, lenkte ein: „Du bist immer noch wie ein ganz Junger, Kummersbacher. Wer greift sie denn schon an? Meine Frau und ich durchaus nicht. Ist nichts an diesem Gerede, werden wir die ersten sein, die ihr unser Haus öffnen.“
Noch einmal lohte der Zorn hell auf. „Was ist geredet worden? Was habt Ihr über sie gehört?“