„Die Bedingung, welche die,“ hier stockte er und fuhr erst fort, als der Generalleutnant keinen Namen einschob, „jene Dame soeben erwähnte, ist natürlich Seiner Exzellenz und dem Majoratsherrn ebensogut, wie auch mir, dem Wortlaut nach bekannt und im Gedächtnis. Ich werde sie zur Vermeidung jeden Mißverständnisses wörtlich verlesen. Sie findet sich am Schluß der in Kraft stehenden Familiensatzungen und erstreckt sich – ihrem Wortlaut und Sinn nach – auf sämtliche im Vorangegangenen ausgeführte Bestimmungen. Dieser ausdrückliche Hinweis geschieht für diejenigen unter den Anwesenden, welche sie bisher nicht genau kannten und sich vielleicht nach Beendigung der Besprechung noch einmal selbst davon zu überzeugen wünschen. Ich lese also vor:
„Alles, was an Rechten, Wünschen und Anträgen erfüllt werden sollte, geschieht in der schweigenden Voraussetzung, daß sich Anwärter oder Antragsteller des zu Verlangenden oder des Erbetenen bis zu dem Tage der Gewährung als durchaus wert und würdig erzeigt haben. Sollten sich nach stattgefundener Verleihung untrügliche Beweise von dem Unwert des Empfängers beibringen lassen, so ist nicht nur das in Besitz genommene unverzüglich herauszugeben, sondern auch die bereits empfangene Bereicherung mit Heller und Pfennig durch den Seniorenkonvent – das sind die drei ältesten männlichen Ostrieds grader Linie – abzuschätzen und zu ihren Händen zurück zu erstatten. Unter Wert und Würdigkeit eines männlichen Empfängers ist Ehrenhaftigkeit, solider Lebenswandel, der sich von Aergernis erregender Völlerei, Glücksspiel und ehelicher Untreue freihält, in der Hauptsache zu verstehen. Wert und Würdigkeit eines weiblichen Empfängers muß noch strenger beurteilt werden. Sittliche Reinheit hat hier für Ehrenhaftigkeit zu stehen. Die Erzählungen von Schandmäulern, die dies anzweifeln, soll zwar gehört, indes niemals ohne ernsthafte Prüfung vonseiten des Seniorenkonvents geglaubt werden. Als Beweis des Unwerts ist anzusehen: Wer einen Ehegatten, einen verlobten Bräutigam, auch schon einen heimlichen Versprochenen, einer andern abwendig macht. Wer durch unentwegtes Scharmutzieren, Kokettieren, ja selbst durch herausfordernde Kleidung, den Ehrbaren Anlaß zu öffentlichem Aergernis gibt. Ausgeschlossen von Gunsterweisungen aller Art sollen ferner sein, die durch öffentliche Schaustellungen in Buden und Zirkussen, sowie andern nicht einwandfreien Schauplätzen laufend Gelder verdienen.“
Dieser letzte Passus ist wegen einer Gewissen angefügt, die sich im Jahre 1570 des alten ehrenwerten Namen von Ostried durch solche Künste unwert zeigte, ihn abgesprochen bekam und später in Elend und Not endete. Dies als abschreckendes Beispiel unseren lieben Frauen. Ihr Rufname ist ebenfalls ausgelöscht. Ihr Bildnis findet sich in keiner Ahnengalerie vor.“
Walter Wullenweber hatte in den Blicken des älteren Stiftsfräuleins das Aufleuchten des Triumphs deutlich wahrgenommen. Obwohl es ihm lächerlich erschien, empfand er plötzlich eine unerklärliche Angst um eine, die seine Liebe zurückgewiesen hatte; er befürchtete, daß jetzt jemand der hier Versammelten die Erbringung solchen Beweises laut verlangen könne. Und wiederum wünschte er einen Herzschlag lang, daß der Seniorenkonvent die ihm später zweifelsfrei von diesem gehässigen Stiftsfräulein unterbreiteten Ermittlungen bösester Art als zutreffend bestätigen möge. Dann war sie frei und schutzloser, wie je – – und er hätte sie schützen dürfen....
Als diese zweite stürmische Beratung zu Ende war, trat der Kummersbacher auf ihn zu:
„Haben Sie zehn Minuten Zeit für mich, Herr Rechtsanwalt? Nichts Geschäftliches. Und doch etwas, das von dem soeben Erlebten nicht zu trennen ist.“
So saßen sie denn ein wenig später beisammen, und der Kummersbacher begann: „Was ich eigentlich will, ist so ’ne Sache. Kann verschieden aufgefaßt werden. Ich will nämlich auch eine Kleinigkeit von Fräulein Eva von Ostried. Da sind welche, die stehen ihr nicht grade feindlich gegenüber. Der Generalleutnant zum Beispiel; auch den Waldesruher rechne ich dazu. Die andern, mit Ausnahme des kränklichen Herrn, der sich schweigsam verhielt und, wie Dichter das leicht tun, für sie flammt, hassen sie. Einer mehr, einer weniger. Fast hinter jedem Mann steht ein Weib und hetzt ein bißchen. Hinter dem Stiftsfräulein der auf Lebensdauer eingemietete Teufel, der sie völlig regiert. Hinter dem Major außerdem die glühende Angst um das Wohl seines einzigen Sprößlings. Da hat also schon seine Richtigkeit! – Ich habe Eva von Ostried ebenfalls bis zum heutigen Tage nicht persönlich gekannt. Habe mich leider, wie schon zugestanden, auch nicht um sie gekümmert. Ein anständiger Kerl soll die gemachten Fehler, sobald er sie merkt, abzuändern wenigstens versuchen. Und darum habe ich Sie hergebeten. Sie hat es nicht leicht, sich durchzuschlagen. Das fühle ich. Wenn man offene Augen haben will, bringt man das schnell heraus. Direkt von mir nimmt sie aber vorläufig nichts an. Bestimmt hat sie mit Entbehrungen zu kämpfen. Das soll aufhören. Zuerst habe ich daran gedacht, ihr eine regelmäßige Monatsrente durch Ihre freundliche Vermittlung, ohne Nennung meines Namens natürlich, auszusetzen. Sie würde das schnell herausbringen und mit einem dankenden Wort an Sie zurückschicken. Nun ist mir endlich was Besseres eingefallen. Sie leben in Berlin und irgend welche musikalisch befähigte Jugend mag Ihnen auch bekannt sein?!“
„Zufällig bin ich täglich mit einem jungen Menschen zusammen, dessen ganzes Sehnen danach geht, sein musikalisches Talent in den Freistunden vervollkommnen zu lassen.“