Ueber Walter Wullenwebers Gesicht lief ein heftiges Zucken. Anfangs wollte er die Frage überhören. Dann vermochte er es doch nicht. Vielleicht blieb dies die einzige Gelegenheit, um sich aus dem offenherzigen Bericht eines großen, guten Kindes, ein klares Bild zu formen.
„Tun Sie es denn?“ fragte er dagegen. Ein erstaunter Blick traf ihn.
„Ich? Allerdings! Ich verehre sie auch um ihrer selbstlosen Güte und Entsagungsfreudigkeit willen, von allen Menschen am meisten. Und ihre Künstlerschaft ist begnadet. Dazu bedurfte ich keine Kritik. Das habe ich sofort in der ersten Viertelstunde gefühlt, die ich ihrem Gesang lauschen durfte. Sie machen ja plötzlich so ein merkwürdiges Gesicht, Herr Rechtsanwalt? Trauen Sie mir keine Urteilskraft zu?“
„Sicher halten Sie sich von Fräulein von Ostrieds Vortrefflichkeiten voll überzeugt!“
„Soll das vielleicht heißen, daß Sie an ihnen zweifeln?“
„Zweifeln? Ich glaube nicht, daß der Ausdruck paßt.“
„Auch jetzt bleiben Sie noch Jurist. Wie leid mir das tut. Als ich Sie neulich längere Zeit beobachtet hatte, war ich sicher, daß Sie ein starkes Gefühl für die Angegriffene hatten, obwohl Sie dies nicht zum Ausdruck bringen konnten.“
„Nehmen wir an, daß Sie sich nicht darin getäuscht haben.“
„Dann dürfen Sie nicht an ihr zweifeln!“
„Alles Zweifeln entspringt dem Verstand! Dagegen kann das Gefühl nicht an.“