„Wie sonderbar und hart! – Sie waren wohl nie in ihrem Heim? Hatten keine Gelegenheit sie zu studieren, wie es mir vergönnt war.“

„Nein. Wie wäre das auch möglich gewesen. Sie suchte mich als Anwalt auf, wir lernten uns dabei kennen – verhandelten –“

„Dann sind Sie entschuldbar, obgleich ich sofort einen nachhaltigen Eindruck von ihr empfing. Verstehen Sie mich nicht falsch. Sie ist sehr schön. Vielleicht überhaupt die Allerschönste. Es liegt nahe, daß ich mich blind in sie verliebt haben könnte. Mein schwacher Körper – meine armselige Stellung als Mensch und leider vor der großen Volksmenge auch noch als Dichter wären kein Hindernis. Ich bin aber gar nicht verliebt in sie. Ich liebe sie! Auch das nicht im üblichen Sinne. Wie man das Gute und Schöne lieben und anbeten muß, so fühle ich für sie. Es kommt mir gar nicht in den Sinn, daß dies etwa in den Augen solcher, denen nichts heilig ist, lächerlich erscheinen könnte.“

„Schwärmer,“ sagte Walter Wullenweber leise. „Was erscheint Ihnen denn so göttlich an ihr?“

„Vor einer Stunde war ich noch fest überzeugt, daß niemals ein Wort davon über meine Lippen gehen würde. Jetzt fühle ich, daß ich, um ihr einen Dienst zu erweisen, daran rühren muß. Sie sollen ein klares, unverzeichnetes Bild von ihr erhalten. – Sie hat ein junges, sicher dem Tode verfallenes Mädchen bei sich. Bei der habe ich heute gesessen und ihr aus meinen neusten Schöpfungen vorgelesen. Sie ist sehr einsam und muß sehr unglücklich sein und Eva von Ostried hat mich gebeten, während ihres Fernseins nach ihr zu sehen. Völlig hat sie sich nicht zu mir ausgesprochen. Es gibt aber Minuten, in denen eine schreckliche Vergangenheit aus ihren entsetzten Augen redet. –

Was ich über Eva von Ostried an Tatsächlichen weiß, hörte ich von ihr. Eines Tages hat sie das ihr bis dahin fremde Mädchen aufgenommen, die Schwerkranke mit allen Opfern gepflegt und wie eine Schwester gehalten. Der Grund ist mir klar. Sie weiß bestimmt, daß deren Wochen oder Monate gezählt sind – daß niemand das sieche, heimatlose Geschöpfchen aufnehmen würde. Darum machte sie ihr mit dem Sonnenschein ihrer Güte die letzte Stunde leicht...“

„Dies todkranke, verlassene Mädchen ist eine Gefallene, nicht wahr?“

Der Dichter zuckte zusammen. Ueber sein Gesicht flammte das helle Rot der Scham oder Empörung.

„Ich weiß nicht, ob sie jemals gestrauchelt oder gar gefallen ist. Und will es auch nicht wissen. Haben Sie allzeit aufrecht dagestanden? Ja? Ich nicht! Ich habe Zeiten hinter mir, in denen ich zu dem Schlechtesten fähig gewesen wäre. Warum ich es nicht ausführte? Ich hatte eine Mutter, die ein Engel war und einen Vater, der ein Held im Ertragen und Entsagen, auch in den opfervollsten Zeiten, blieb. Beide Eltern starben, als ich zwanzig Jahre zählte. Viel zu früh natürlich. Und dennoch spät genug, um mich stark und reif gemacht zu haben. Bei jeder Anfechtung waren sie mein Schutz und Schirm. Wissen Sie denn, ob das kleine, arme Gretchen Müller jemals einen Schutzgeist besitzen durfte? Nun ist auch sie rein und still und sehnsüchtig nach allem Guten. Was ist denn die Hauptsache? Was jemand getan oder versehen hat oder wie er es zuletzt gutmacht? Ich glaube, dies letztere. Ich sage Ihnen, das kranke Mädchen hat sich entsühnt. Und weil Eva von Ostried das genau fühlt, wird ihre Güte und Liebe immer größer!“