„So ist Fräulein von Ostried von ihrem jetzigen Leben also voll befriedigt?“

„Das glaube ich nicht. Sie ist ein verschlossener, starker Mensch, der alles allein trägt. Meinen Sie vielleicht, daß sie sich etwa zu Fräulein Gretchen ausspräche, denn ich darf das für mich noch nicht in Anspruch nehmen. Unsere Bekanntschaft ist zu neu. Sie hat mir gegenüber den Ton einer besorgten älteren Schwester, der neben all meiner Anbetung den unbedingten Respekt keinen Augenblick vergessen macht. Aber die Hausgenossin ahnt ein schweres Geheimnis in diesem Leben und leidet schwer darunter, weil sie nicht zu helfen vermag.“

„Sie ahnt auch nicht, was es sein könnte?“

„Nein! Eva von Ostried vermeidet über sich zu sprechen.“ Noch einmal äußerte sich der alte Argwohn in Walter Wullenweber: „Sie wird ihre guten Gründe dafür haben.“

„Wahrscheinlich. Gut sind sie sicher. Ob richtig? Das wäre die Frage. Ich jedenfalls verstehe, daß sie die Todkranke, die von viel Schmerzen gepeinigt wird, nicht noch mehr belasten will.“

„Wie Sie für alles, was sie angeht, irgend eine Entschuldigung oder Erklärung bereit halten.“

„Könnte ich sie sonst wirklich anbeten? Sie lächeln und denken, ein Dichter kann das sehr wohl. O nein, Herr Rechtsanwalt. Wenn ich auch arm und abhängig bleiben muß, meine Begriffe von Frauenehre und Menschenwürde stehen fest. Die lasse ich mir von niemand antasten, geschweige denn rauben. Wenn sich heute ein Dutzend weiser und berühmter Denker die Mühe machen wollten, mich mit anscheinend logisch aufgebauten Beweisen andern Sinnes zu machen, es hilfe ihnen nichts. Wenn meine Seele klingt, wie sie das in Eva von Ostrieds Gegenwart tut, dann irrt mein Gefühl nicht.“

„Sie sind ein beneidenswert glücklicher Mensch.“

Der elektrische Wagen lief nicht mehr. Die wenigen Fahrgäste waren ausgestiegen. Nun kletterten auch die beiden letzten in ihre Gedanken Versunkenen heraus.

„Bleiben wir noch ein wenig zusammen?“ fragte der Dichter wieder sehr schüchtern.