„Nun ja –“
„Kein Wort natürlich! Er ist doch auch Jurist und wenn ich ihm ganz klar meine Ansicht über diesen Fall mitgeteilt hätte, würde er mich sicher vor das hohe Gericht geschleppt haben. Denn, du mußt bedenken, daß ich bei Abfassung seines Briefes die für ihn ausschlaggebenden Beweggründe noch nicht ahnte. Ich habe ihn einfach für wahnsinnig gehalten. Später änderte ich diese betrübliche Ansicht in eine nicht minder unschöne ab. Er wurde mir langsam zu einem gewissenlosen Betörer, dem jedes Mittel zur Erlangung eines unsaubern Wunsches recht ist.“
„Du hättest also Frau Regierungsassessor und noch viel mehr werden können. Bestimmt aber die Schloßherrin von Waldesruh, wenn auch im reifsten Alter. Der jetzige Majoratsherr scheint keine Lust zur Wiedervermählung zu haben.“
Sie zuckte zusammen, als fröstele sie. „Niemals sah ich ein seelenloseres Gesicht als das seine! Findest du das nicht auch?“
„Sonderlich zu erwärmen vermag auch ich mich nicht für ihn. Aber er ist ein Mann von hochanständiger Gesinnung. Nicht wahr, wie leicht hätte er es gehabt, diese unbequeme Bestimmung aus dem verrosteten Kasten einfach verschwinden zu lassen. Wenn er auch nachträglich ausgeführt hat, daß sie ihn und einen eventuellen Sohn aus einer zweiten Ehe nicht anficht. Immerhin, es brachte ihm Arbeit und Reibereien ein.“
„Natürlich. Ich vergesse immer wieder, daß ich in den Augen der ganzen Familie verfehmt bin. Nein,“ verbesserte sie sich, „das wäre undankbar. Der Kummersbacher war herzlich gut mit mir und der kleine Dichter, der mich übrigens treu besucht, hat mir längst zwei Flügel verliehen.“
„Mache dich jedenfalls in allernächster Zeit auf die wichtige Eröffnung gefaßt, Evalein, daß deiner späteren Linie bei einer standesgemäßen Heirat die Aussicht zur Wiedererlangung der alten Heimat beschert sein soll!“ Sie errötete tief und nestelte sich von neuem an ihn.
„Ich gehöre dir. Nur dir! Alles andere ist wertlos geworden! Du wirst mir auch diese Mitteilung, die hinfällig geworden ist, ersparen – nicht wahr?“
„Das darf ich als pflichtgetreuer Anwalt, der gar nichts mit deinem Liebsten zu schaffen hat, nicht!“