22.

Sie hatte ein Herz aus Glas und der Geliebte sah alles, was darin vorging! Selbst bis dahin ahnungslos, daß es so war, offenbarte ihr erst sein entsetztes Stammeln, daß sich ihm nun doch ihr Geheimnis enthüllt habe. Sie gewann es über sich, um seine Vergebung zu betteln, sie zu gewähren war ihm unmöglich!

Er schüttelte sie ab und floh mit einem Ruf des Abscheus für immer – –

Als Eva von Ostried mit einem wilden Schrei aus diesem Traume emporfuhr, versuchte sie sich zu verhöhnen. Nachmittags, wenn sie sich zum Aussuchen der Verlobungsringe treffen würden, wollte sie ihm davon erzählen. Zugleich erschrak sie über diese Kühnheit, denn lediglich das gläserne Herz war ein Gebilde ihrer aufgepeitschten Nerven. Das weitere entsprach ja der Wahrheit!

Die Morgensonne leuchtete durch die herbstlichen Bäume des Parkes und trug zu ihrem goldenen Strahlen den Widerschein der gelb und rotgefärbten Blätter ins Zimmer hinein; dabei wurde Evas Herz wieder ruhig.

Gegen zehn Uhr vormittags brachte Gretchen Müller einen Rohrpostbrief.

Eva von Ostried streckte mit glücklichem Lächeln die Hand danach aus. Walter Wullenweber schrieb in großer Eile:

Mein Liebling, werde soeben telegraphisch zur Entgegennahme eines Testaments in die Nähe Berlins aufs Land gerufen. Komme wegen ungünstiger Bahnverbindung jedenfalls erst spät abends zurück. Auf morgen also...