Ein neuer Tag ohne ihn! Es erschien ihr schmerzlich und doch süß zugleich! Die Tränen kamen ihr vor Glück.
Der Montag vormittag war ihr sonst wegen der fünf aufeinanderfolgenden Stunden dahingeflogen. Heute dehnte er sich endlos.
Nachdem ihr Tagewerk vollendet, schloß sie sich in das kleine einfenstrige Zimmer ein, wie damals, als sie ihm den Abschiedsbrief geschickt hatte. Ein Berliner Konzertagent kam, verhandelte mit Gretchen Müller und begehrte Eva von Ostried danach ungesäumt zu sprechen. „Er mag wiederkommen,“ sagte sie drinnen, ohne zu öffnen. Was ging sie noch die Kunst an? Ihr Glück lag einzig in ihm. Mechanisch nahm sie das dünne Päckchen aus dem Schreibtisch und legte es vor sich hin. Ihr graute vor der erneuten Berührung. Mit spitzen Fingern zog sie endlich seinen Inhalt ans Licht. Es enthielt nur noch zwei Scheine. Die letzten! Das andere des Raubes war aufgebraucht. Wenn sie die laufenden hauswirtschaftlichen Ausgaben beglichen haben würde, mußte sie von neuem einen dieser Scheine wechseln. Die letzte unbezahlte Arztrechnung für Gretchen Müller fiel ihr ein. Es waren wiederum dreihundert Mark, trotzdem sie selten genug nach dem Sanitätsrat gesandt hatte.
Es schadete ja auch nichts. Gewechselt mußte doch werden. Sie brauchte ein Hochzeitskleid – einen Schleier und den grünen Myrthenkranz. Wovon sollte sie dies und noch viel mehr bezahlen, wenn nicht von diesem Gelde?
Seine Braut, die ihre äußere Schönheit gestohlen haben würde – im wahrsten Sinne des Wortes. Den Treuschwur verachtend und selbst – Verbrecherin!
Aber heimliche Stimmen flüsterten Trost und Hoffnung: „Er läßt dich niemals! Ohne dich ist seine Zukunft schal. Sei ganz ruhig –“
Sie nickte und glaubte es zuletzt! Und spann nun aus, wie es sein würde, wenn Sie ihm alles gesagt hätte. Eine unbeschreibliche Seligkeit mußte das werden! Von dieser Vorstellung kam sie nicht mehr los.
Gegen Abend schrieb sie ihm alles, wie es sie dünkte, zu nüchtern. Da sie es überlas, erschien es ihr grausam. Aber es war ihr unmöglich gewesen von ihren Gefühlen dabei zu sprechen; die würde er klar empfinden, ohne daß sie ein Wort verlöre, meinte sie. Unmöglich schien es ihr auch, der Opfer Erwähnung zu tun, die sie gebracht und noch eine Zeitlang weiter bringen mußte, weil sie der heimatlosen Schwerkranken eine Zufluchtsstätte bot. Das alles würde Sache der mündlichen Aussprache sein.
Als der Brief fertig war, begriff sie nicht, wie sie jemals zaudern konnte. Sie trug ihn selbst fort, wie damals. – Dann ging sie ihren Tag weiter! – –
Jedesmal, wenn vierundzwanzig Stunden später die Klingel gellte, glaubte sie zu fühlen, daß er jetzt da sei.