Glaubte es immer wieder, bis dieser Tag sank und ein neuer kam, der ebenso ereignislos verlief wie sein Vorgänger. Erst am dritten Tage packte sie eine fürchterliche Angst. Wenn er nicht darüber fortkäme? – Das währte aber nicht lange. Seine tiefe große Liebe würde niemals sterben können.

Am vierten Tage hatte sie keine Hoffnung mehr! Und am fünften Tage ertrug sie die Qual nicht länger. Ohne ihren Namen zu nennen, fragte sie im Büro an, ob er zu sprechen sei. Darauf erwartete sie ein „Nein“ und erhielt statt dessen den Bescheid, daß er, wie alle Tage, seine juristischen Sprechstunden abhalte.

Da warf sie sich auf einen Stuhl und mußte lachen. Es klang schaurig. Sonst hätte sie aber schreien müssen – immer nur schreien – das ganze Haus zusammen und noch weiter zu der Straße hinaus, denn die Fenster waren weit geöffnet.

Er lebte und gab ihr keine Antwort! Was war das?

Ein paar Stunden später wußte sie es. Sie riß seinen Brief gleich vor der Tür auf, als sie ihn empfing. Da sank sie bewußtlos zusammen, und Gretchen Müller fand sie, den Brief in der Hand.

Gretchen Müller hatte noch niemals einen Blick in fremde Post getan. Jetzt las sie, nach kurzem Zaudern, bewußt Wort um Wort, begriff nicht alles, aber wußte doch, daß der Strenge nun auch bereit war, sein eigenes Herz zu Tode zu foltern.

„Du wirst viel gelitten haben, ehe Dir dieser Brief möglich war,“ schrieb er. „Das fühle ich deutlich. Was Du tatest, mag Dir damals einen Augenblick als der einzige Ausweg erschienen sein. Leichtsinnig hast Du es nicht tun können. Es wird sich auch hundertfach gerächt haben. Alles das wiederhole ich mir seit Tagen. Dein erster Brief war eine Folge davon und wie vieles andere wohl noch, das Du unerwähnt ließest. Ich glaube sogar, daß ich eine andere verteidigen könnte. Eine, die ich nicht liebe als meines Wesens Heiligstes. Um Deine Freisprechung habe ich vor meinem Gott gerungen und sie doch nicht finden können. Es ist unaussprechlich grausam, auch für Dich. Aber daran läßt sich vorläufig nichts ändern.

Ich ringe weiter. Habe Geduld mit mir und mit dem dumpfen Schrecken, der mich nicht loslassen will.“

Nach überraschend kurzer Zeit konnte Eva von Ostried sich allein auf das Ruhebett begeben. Suchend irrte ihr Blick umher.

„Ich habe den Brief auf Ihren Schreibtisch gelegt,“ sagte Gretchen Müller.