„War er eigentlich mit dem Entschluß seiner Tochter und dem hochherzigen Anerbieten seines Freundes, des bekannten Königlichen Kammersängers, sofort einverstanden? Evas Ansicht, die dies lebhaft bejaht, ist mir in dieser Beziehung nicht maßgebend?“

„Doch, ich glaube es auch! Das Messer saß ihm an der Kehle. Allmählich sahen auch die Gläubigsten unter seinen Kreditgebern, daß das Kuratorium ihn unerbittlich beschränkte. Sie zogen sich mehr und mehr von ihm zurück, um zu den alten Dummheiten keine neuen anzufügen. Denn er hatte etwas bestrickend Liebenswürdiges, das auch die Vernünftigsten oft genug blendete. – An mich hat er sich niemals gewandt. Und das ist das Einzige, was ich ihm hoch anrechne. – Er kannte die ungeheuren Einnahmen des Kammersängers, der, gleich ihm aus einer altadligen Familie stammte, und mag wohl – bestimmt durch die glanzvolle Aussicht für die Tochter, durch welche sich auch seine Lage endlich wieder heben mußte, die erbetene Erlaubnis zu ihrer Uebersiedlung nach Berlin bereitwilligst gegeben haben. Eva soll dort übrigens ganz zur Familie gehört haben. Die Gattin des Künstlers wurde mir seiner Zeit als gute Hausfrau gerühmt. – Davon werden Sie natürlich mehr wissen, wie ich?“

„Eva ist damals ganz in ihrer Kunst aufgegangen und hat sich scheinbar um die ihr reichlich prosaisch dünkende Frau des Gönners wenig gekümmert. Jedenfalls hat der Umstand, daß die nach dem Tode ihres Mannes sofort den Haushalt auflöste und – ohne Rücksicht auf Eva – nach München übersiedelte und sich niemals seitdem durch eine Zeile nach ihr erkundigt hat, zur Genüge bewiesen, wie lose das Band eines Zusammenhaltes zwischen ihnen gewesen ist..“

„Alles in allem wird Eva von Ostried aber inzwischen eingesehen haben, daß ich es gut mit ihr gemeint habe?“

„Leider kann ich das nicht bejahen!“

„Ich nahm die Tatsache, daß sie keinen weiteren Versuch zu meiner Umstimmung machte, für weise Einsicht an.“

„Wie wenig kennen Sie die Tochter Ihrer geliebten Toten! Ihr Schweigen hatte einen andern Grund. Ich machte ihr klar, daß ich Ihnen keine schnelle Aenderung einmal gefaßter Ansichten zutraue und vertröstete sie auf die Zukunft. Da war sie klug genug, sich einstweilen zu bescheiden.“

„Danach scheinen Sie also ihre Wünsche zu unterstützen, Frau Präsident? Das ist mir nach dem starken Eindruck, den ich von Ihnen empfing, unbegreiflich.“

„Auch Sie wären andern Sinnes geworden, hätten Sie sich, gleich mir, von dem Ernst ihrer Bestrebungen, überzeugen müssen. Und nun gar die eigene Mutter. Ich habe kein Kind besessen. Und doch fühle ich, daß eine Jede von uns zurücktreten kann und auch will, wird sie inne, daß sie der wahren Befriedigung des Kindes hinderlich ist.“

„Darin sollen Sie Recht behalten. Frau von Ostried war wohl eine scheue, stille Frau für sich selbst. Hätte sie aber einsehen müssen, daß die Tochter schwer unter der Versagung ihrer Erlaubnis litt, wäre sie fraglos nachgiebig geworden.“