„Nun begreife ich Sie immer weniger.“

„Das ist auch schwer für Sie. Wir leben in zu verschiedenen Verhältnissen. Für Sie ist die Grenze, die ich als Horizont achte, nur ein Scheinbegriff geblieben, hinter dem sich die Unendlichkeit ausdehnt. Und Wachstum gibt es in Ihrem Leben auch wohl ohne Segen und Regen. Ich sah nur mein ganzes Leben hindurch klare Luft, den Horizont und die Entwicklung jeglichen Dinges durch Sonne und Regen... Einmal bin ich im Theater gewesen und danach nie wieder. Es hat mich abgestoßen. Lachen Sie ruhig darüber. Eine Frau stand auf der Bühne und hat alles das vor fremden Ohren preisgegeben, was sie sonst schamhaft mit sich allein abmacht. – Mir kam sie dadurch wie entkleidet vor. – Dies Gefühl hat mir die Richtschnur gegeben. Schön und gut! Es mag viel Kunst dabei sein können. Das verstehe ich nicht. Viel Unwahrhaftigkeit und Uebertreibung aber auch. Dazu kommt, daß in der Familie meines einzig noch lebenden Bruders eine Tochter, die viel Hang zur Musik und zur Künstlerschaft hatte, verloren gegangen ist. Es ist mir sehr nahe gegangen. Die Kinder meiner andern Brüder, von denen ich Ihnen auch sagte, sind frühzeitig gestorben. Nun habe ich nur noch einen Neffen, mit dem ich nie recht warm werden konnte.“

Daß ein Mann, der das Leben mit all seinen Härten, Entsagungen und Verlockungen kannte, ein öffentliches Auftreten von dieser Warte beurteilte, rührte die Präsidentin. Freilich mochte es reichlich unmodern sein – ja, in den Augen der Meisten wohl gar lächerlich wirken. Ihr zeigte es den hohen, sittlichen Wert dieses Mannes, dessen unbewußte, kinderreine Keuschheit sich gegen Schaustellungen der Gefühle heftig sträubten.

„Was hätte ich dagegen tun wollen,“ sagte sie nach einer Weile des Schweigens. „Es wurzelt zu tief bei ihr. Ich hätte sie ganz verloren. Nun darf ich sie wenigstens noch eine Zeitlang behalten.“

„Sie besitzt aber nichts, als das Geld, das ich vorher in Ihre Hand gelegt habe, Frau Präsident, und ich habe mir erzählen lassen, wie hoch die Kosten einer gründlichen Ausbildung sind. Damit sollen aber die Ausgaben noch nicht aufhören. Eine erhebliche Summe, sozusagen als Daseinssicherheit, muß außerdem vorhanden sein. Mal gibt’s keine Einnahmen. Mal kosten die Kleider mehr, wie das gesamte Spielhonorar beträgt..“ Sie mußte unwillkürlich über seinen Eifer, hinter dem sich ein Stückchen Triumph barg, lächeln.

„Ich bin reich,“ gestand sie endlich. „Sehr reich sogar und habe für niemand leiblich Verwandtes zu sorgen. Das hat mir oft bitter weh getan. Ich meinte, die gnädige Vorsehung schickte mir Eva von Ostried als Ausgleich für mancherlei Entbehrtes. Nun, Enttäuschungen kamen auch hinterher. In gewissem Sinne ähnelt sie bestimmt dem Vater, wie Sie ihn mir schilderten. Wenn auch alles liebenswerter und weicher in ihr gestaltet ist. Ich konnte gar nicht anders handeln, als ich es schließlich getan habe. Mit dem Augenblick, in dem ich sie in mein Haus aufnahm, gab ich mir das Versprechen, für sie zu sorgen. – Im April nächsten Jahres etwa wird sie wieder ernsthaft ihre Studien aufnehmen. Die Mittel bis zum Schluß und ein rundes Kapital für die von Ihnen erwähnten Dinge, soll sie von mir erhalten. Ich bringe das in den nächsten Tagen in Ordnung.“

„Dann habe ich das Meiste umsonst geredet, Frau Präsident.“

„Glauben Sie das nicht, Herr Amtsrat. Ich gebe alles in passender Stunde an Eva weiter. Es wird Wurzel schlagen. Mit Strenge ist nicht viel bei ihr zu wirken. Regt sich aber der gute Kern – spricht die Dankbarkeit und besonders das Erbe ihrer Mutter – eine große Reinheit in Empfindung und Anschauung – dann kann sie erstaunlich fügsam und weich sein. Die durch die Wiedergabe Ihrer Worte von neuem geweckte Erinnerung an ihre tote Mutter wird ihr zum Schutz werden.“

„Sie wird das bißchen Erlernte von der Musik gründlich vergessen haben,“ wandte der Amtsrat ein. „Drei Jahre ist sie nun bei Ihnen.“