„Und Sie meinen wirklich, daß ich in dieser Zeit das Erreichte nicht wenigstens erhalten hätte? So kurzsichtig und engherzig war ich nicht. Ich habe ihr einen bedeutenden Lehrer gehalten und wenn ich auch keine zeitraubenden Uebungsstunden gestattete – eben weil sie sich an die Erfüllung bestimmter Pflichten gewöhnen sollte – dies Ende zur Rückkehr sah ich stets voraus. Es waren also auch in dieser Beziehung keine verlorenen Jahre.“

„Die kommenden Zeiten werden unruhig für Sie werden, Frau Präsident. Und eine Stütze dürften Sie im Alter kaum an ihr haben.“

„Ich glaube auch nicht, daß ich ihrer bedarf, lieber Herr Amtsrat. Ich entstamme einer kurzlebigen Familie. Eigentlich halte ich mich schon länger, als es mir vor ungefähr zehn Jahren ein besonders barscher Arzt bemessen hat. Ich bin auch jederzeit bereit. Nur vorher will ich noch, etwa im ersten Frühlingsgrün des nächsten Jahres, eine liebe Jugendbekannte in ihrem Heimatsstädtchen aufsuchen. Immer wieder habe ich das hinausgeschoben. Jetzt bin ich fest dazu entschlossen. Und wissen Sie, wen ich bei dieser Gelegenheit noch besuchen möchte? Dieser Gedanke ist ganz neu.. Einen guten, treuen Menschen, welcher der beste und zuverlässigste Freund gewesen ist. Seine Scholle liegt meinem Wege überaus günstig. Wenn ich richtig schätze, kaum eine Bahnstunde von der pommerschen Seestadt entfernt, in welcher meine Bekannte lebt. Wollen Sie seinen Namen wissen? Er heißt Amtsrat Wullenweber und wird hiermit feierlich angefragt, ob er mich wohl auf einen Tag haben mag?“

Er strahlte, sie aus seinen treuen, blauen Augen ehrlich erfreut an.

„Ob ich mag, Frau Präsident! Ich will alles vom Boden bis zum Keller putzen lassen und meine alte Klidderten soll mal zeigen, was eine richtige, gute hinterpommersche Wirtschafterin leisten kann.“

„Um Gotteswillen,“ lachte sie fröhlich, „das wird bestimmt unmöglich gemacht. Eines Tages trete ich, ohne vorherige Anmeldung, mit einem kleinen Reisetäschlein, bei Ihnen an und werde dankbar sein, wenn Sie mir einen Platz an Ihrem Tisch und höchstens noch ein Gericht Dabersche Kartoffeln mit fetter Buttermilch gönnen. Denn Sie müssen wissen, daß meines lieben Mannes erste Richterstelle in Köslin war, das ebenfalls im Regierungsbezirk Köslin liegt. Darüber sind freilich schon einige dreißig Jahre vergangen. Auch haben wir damals weder Zeit noch Lust gehabt auf den benachbarten Gütern Bekanntschaften anzuknüpfen. Meines Mannes Dezernat war sehr umfangreich. Ein Anwalt, der ihm die zahlreichen Verträge und Testamente abgenommen hätte, wollte sich aus Furcht, kein genügendes Auskommen zu finden, nicht niederlassen.“

„Und jetzt sitzen dort längst ihrer zwei, die in guter Freundschaft miteinander leben.“ –

„Sie kennen das kleine, saubere Städtchen natürlich ganz genau?“

„Versteht sich, Frau Präsident. So dick gesät sind ja die Nester bei uns da hinten bekanntlich nicht. Mit meinen jungen Schimmeln schaffe ich die Geschichte in knappen drei Stunden.“