„Ich will dein Ringen, wenn es inzwischen nicht aufgegeben sein sollte, kurz beenden. Quäle dich nicht mehr damit, für mein Verbrechen Entschuldigung oder gar Vergebung zu finden. Dazu ist es zu spät geworden. Ich wüßte mir nichts mehr damit anzufangen. Der Rausch, dem ich mich hingab, wirkt nicht mehr. Daß ich Dir für Deine spätere würdigere Ehe das Beste wünsche, sei Dir ein Beweis, wie ruhig und empfindungslos mein Herz für Dich geworden ist.“

Sie überlas das Geschriebene nicht. Eilig verschloß sie den Umschlag und fühlte nichts dabei, außer der staunenden Verwunderung, daß sie ihm erst heute geschrieben hatte.

Erst als er mit dem andern zusammen besorgt war, erschrak sie plötzlich so sehr, daß sie sich setzen mußte, weil ihre Knie zitterten. Wie war es möglich geworden, daß sie ihm darin noch das „Du“ gegeben hatte?

Pah, sie wollte nicht mehr darüber nachdenken. Ihre Seele sollte endlich frei werden. Und als müsse sie diesen Entschluß ungesäumt bekräftigen, drückte sie auf den Knopf der elektrischen Klingel, die zur Küche hinausführte. Ihre Stimme klang aber fest, beinahe kalt, als sie zu der Eintretenden sagte:

„Meine Verlobung, liebes Gretchen, war nicht von Bestand. Sie ist wieder gelöst. Und zwar endgültig!“

Dann sprach sie hastig, ohne eine Antwort zu ermöglichen, von gleichgültigen Dingen.

– – Die nächste Zeit brachte viel Hast und Abwechslung. Der emsige Agent hatte von Eva von Ostrieds augenscheinlich eingetretenen Bekehrung zur Vernunft einem ihm bekannten Direktor Mitteilung gemacht. Das wiederum ergab vertrauliche Anfragen, die eine ausführliche Antwort erheischten. In irgendwelcher Weise band sich Eva von Ostried vorläufig nicht.

Mitten in diese Unruhe hinein kam eines Tages der Brief des Waldesruher Majoratsherrn, der zwecks mündlicher Rücksprache in der bekannten Neuregelung und ihrer Ablehnung im Auftrage des Seniorenkonvents um die Gewährung einer mündlichen Aussprache an einem von ihr zwischen dem Zwanzigsten und Fünfundzwanzigsten zu bestimmenden Tage höflichst bat.

Der Vorwand wäre für jede Andere, wie Eva von Ostried, durchsichtig gewesen. Seine Anwesenheit neulich im Blüthnersaal – eine vor Tagen stattgefundene zufällige Begegnung mit ihm, bei welcher er deutlich die von ihr vereitelte Absicht einer Annäherung zu erkennen gab, hätten sie zum Nachdenken bringen müssen.