„Eigentlich sind wir beide uns doch sehr fremd,“ meinte sie zögernd.

„Soll das heißen, daß Sie kein Vertrauen zu mir haben?“

„Vertrauen...“ sie dehnte das Wort aus, überlegte ein wenig und sah dann wieder und diesmal – bewußt – zu ihm hinüber. Seine kalten farblosen Augen hatten sich auffallend belebt. „Wir wollen den Begriff nicht zerlegen. Behalten Sie den Brief. Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht. Nicht wahr, wenn er etwa ein Jahr geschwiegen haben sollte, dann vernichten Sie ihn. Ein Zurückschicken ist unnötig.“

Als er ihn in die feine helle Ledertasche versenkt hatte, tat er die Frage, die er seit Wochen immer wieder überlegt und nach allen Seiten erwogen und nun endgültig beschlossen hatte:

„Weil Sie es nicht fühlen, muß ich es klar aussprechen. Könnten Sie sich entschließen, meine Frau zu werden, Eva?“ Er sah, daß es sie gänzlich überraschend traf und fuhr fort: „Ich werde im nächsten Monat vierundfünfzig Jahr und gelte als ziemlich gefühllos. Vielleicht bin ich es auch. Meine erste Ehe war durchaus korrekt. Wie sich die zweite gestalten wird, liegt in Ihrer Hand. Sie werden enttäuscht sein, daß ich Ihnen kein Wort von Liebe spreche. Ich kann das nicht. Schon als kleiner Junge wäre ich lieber gestorben, ehe ich ein Gefühl verraten hätte. Es ist Vererbung. Meine Mutter war ebenso.“

Sie saß wie erstarrt und konnte nur denken... „Möchte er doch weiter sprechen. Wenn er aufhört, muß ich ihm antworten.“ Daß er ihr noch vor kurzem unangenehm, ja widerlich gewesen, begriff sie nicht mehr. Zur Zeit war er ihr nicht unleidlicher wie jeder andere!

Und was sang und klang plötzlich vor ihren Ohren? Sanfte, verführerische Stimmen tönten! Und jede verhieß das nämliche! Erlösung – Sühne – Ruhe! Ihm würde sie kein Wort davon sagen. Kein inneres Drängen erzwang dies. Ihr ferneres Leben würde auf das Eine, Große, Letzte eingestellt sein. Untadlig zu werden und weiter Gutes zu tun, wo irgend sich nur die Gelegenheit bieten wollte.

Und vor allem – den Raub könnte sie zurückzahlen.

Er war ja schwerreich. Der Dichter hatte von mehreren Millionen gesprochen. Denn jetzt war es ihr klar, daß er diesen und keinen anderen gemeint hatte. Sie wollte von ihrem Nadelgelde und seinen gewiß sehr reichlich fließenden Geschenken Pfennig um Pfennig zusammenraffen, bis sie endlich alles an den Justizrat Weißgerber, als eine sich an die Stiftung der Präsidentin anschließende Schenkung, zurückzuzahlen vermochte...