Jetzt schwieg er und sah sie erwartungsvoll an. Eine furchtbare Angst begann sie zu foltern, daß er aufstehen und gehen könne... beleidigt, weil sie ihn keiner schnellen Antwort würdigte.
„Haben Sie sich bereits gebunden – dann allerdings,“ sagte er undeutlich, wie ihr schien.
„Nein, ich bin frei.“ Das war keine Lüge.
„Wie lange soll ich warten,“ fragte er. Es klang fast demütig.
„Zwei Wochen,“ bat sie. „Ich habe ein paar Verpflichtungen in Dresden und Weimar übernommen. Dann werde ich auch mit mir fertig sein.“
In seinen Zügen arbeitete es. Aber er verriet nicht seine Gedanken. Er sah sie noch einmal an, als müsse er die Erinnerung an ihre stolze Schönheit mit fortnehmen für diese beiden Wochen. Später würde er sie nicht mehr nötig haben. Er wünschte keine lange Verlobungszeit.
Langsam stand er auf, küßte ihre Hand und schied ohne ein weiteres Wort.
Eva von Ostried zeigte sich die nächsten Tage gelassen, fast heiter. Sie erschien wohl und frisch, als habe sie nicht über schlaflose Nächte zu klagen. Daß ein wenig künstliches Rot über die tiefe Blässe und den scharfen Leidenszug hinwegtäuschte, ahnte Gretchen Müller nicht. Sie trat nie mehr, ohne zuvor feierlich anzuklopfen, in das kleine einfenstrige Zimmer ein. Die unbestimmte Angst, eine Zusammengebrochene oder doch Verzweifelte zu sehen, hielt sie zu dieser Vorsicht an. Einmal, als sie Eva von Ostried ausgegangen wähnte, sah sie sie mit eingewühltem Kopf auf dem Ruhebett liegen und hörte ein ersticktes, jammervolles Schluchzen.
Der Kummersbacher saß vor seinem alten Zylinderbureau, sah abwechselnd in das Wirtschaftsbuch seines Beamten und auf die kotbespritzten, von aufgeweichten Lehmwegen zeugenden Stiefeln herab, dachte aber weder an das eine noch das andere, sondern ärgerte sich mit verbissenem Ingrimm, weil der Doktor, der seines Rheumas wegen die Ritte im Regen streng untersagt hatte, wieder mal Recht behielt. Denn es zwickte und quälte ganz abscheulich.