„Tritt, bitte, hier ein,“ sagte er endlich. „Du kannst auch im Zimmer ablegen... und nachher mußt du dir wohl trockene Sachen anziehen.“

Sie trug nichts in der Hand wie eine kleine, abgegriffene Tasche mit einstmals kunstvoller Perlenstickerei. Der Kummersbacher überlegte kurz, daß sich darin kaum alles, was eine Frau für ihren äußeren Menschen gebraucht, vorfinden könnte, wurde einen Augenblick verlegen und sagte zu dem Diener gewandt:

„Was machen wir jetzt? Weiß der Himmel, nun haben wir nicht mal was zum Anziehen für sie bei der Hand. Sie muß also vorläufig sehr bald in die Federn. Na, nun geh, du kannst einen Grog für sie bringen und für mich zur Gesellschaft auch einen. Dann richte das wärmste Fremdenzimmer ... Hoppla!“

Klausine von Ostried, das Stiftsfräulein, hatte indessen ihre triefenden Hüllen über den Kaminofen ausgebreitet, in dem ein lustiges Feuer prasselte.

„Setz’ dich einstweilen nahe an die Glut,“ kommandierte der Kummersbacher mitleidig. „So, aber verbrenne dir nicht die Hüfe...“

„Es ist himmlisch warm,“ flüsterte sie dankbar und hielt nun auch die mageren Hände an die durchhitzten Stäbe.

Eine Weile gönnte er ihr diese Behaglichkeit. Dann tippte er ihr auf die Schulter und fragte langsam:

„Jetzt möchte ich endlich wissen, weshalb du das gemacht hast, Klausine?“

Der freudige Ausdruck ihres verkümmerten, spitzen Gesichts erlosch. Sie begann zu weinen. Wie bei einem Kinde liefen auch ihr schließlich die Tränen stromweise über die eingefallenen Wangen. Er erinnerte sich, daß sie in beständiger Furcht vor der Schwester leben sollte und meinte endlich selbst die Erklärung für ihren Besuch gefunden zu haben. Hatte er ihr nicht, in einer Aufwallung von Mitleid, bei dem letzten Beisammensein in Berlin gesagt, daß sie jederzeit ein ruhiges Fleckchen bei ihm finden werde, wenn sie es im Stift etwa nicht mehr ertragen könne?