„Ich möchte die Botin sprechen, die dies soeben gebracht hat. Schicken Sie sie herein,“ sagte er mit schwerer Zunge.

„Ach Gott, Herr Rechtsanwalt.“ Er wehrte ab.

„Die Frau ist sehr eilig gewesen; gleich ist sie wieder weg.“

„Hm –“. „Da liegt noch was Eingewickeltes, Herr Rechtsanwalt,“ erinnerte Pauline. „Es sind Schlüssel, hat die Frau gesagt. Sie möchten sich selbst die Wohnung aufschließen. Das Fräulein wäre nämlich ein bißchen kränklich ...“

Der Name auf dem Schild und der Schlüssel in seiner Hand... Nein, nein, es war kein Traum! Schon stand er mit einem unsäglichen Gefühl von Verwirrtheit auf dem schmalen Korridor.

„Lieselott!“ rief er laut und erschrak über den Klang der eigenen Stimme.

Dann tappte er weiter. Das Musikzimmer kannte er aus Eva von Ostrieds Schilderungen. Er sah auch im Geist die hohe, stolze Gestalt der Besitzerin und fühlte, daß seine heiße Liebe zu ihr niemals sterben konnte. Jeder weitere Schritt war eine Qual für ihn. Wie ein Einbrecher kam er sich vor und ging doch weiter... bis er in dem kleinen, einfenstrigen Raume stand, dessen Fenster einen Ausschnitt der sommermüden Bäume zeigte...

Auf dem Ruhebette lag eine schmale, zusammengekrümmte Mädchengestalt. Das Gesicht war wachsbleich. Die Lippen farblos. Der Goldton ihres Haares das einzig Lebendige an diesem starren Bilde.