Das kleine einfenstrige Zimmer, aus dem sie hinausgetragen war, blieb seither unbenutzt. Furchtsam wurde es von Eva von Ostried gemieden. Nicht die Tote allein wehrte ihr den Eintritt, sondern vor allem der Lebende, der erst langsam für sie sterben mußte.

Sie saß vor dem Flügel, aber sie dachte nicht an das, was einst ihr höchstes Sehnen gewesen. Wie längst durchlesene Bücher, die kein Interesse mehr erwecken konnten, betrachtete sie die Stöße von Noten. Es gab nur noch ein Lied für sie, das sie niemals vergessen würde, das kleine Lied von der weißen Rose....

Sein Lied! Vorläufig hatte sie sich am Fenster einen Tisch mit allem Nötigen zum Schreiben zurechtgestellt. Sinnend ruhte ihr Blick auf dem großen weißen Bogen, der gespenstisch zu ihr hinwinkte. Ehe es Abend geworden war, wollte sie einen Brief schreiben...

Sie ging hinüber und tauchte die Feder ein. Wenn er fort sein würde, hatte sie keine Anwartschaft mehr auf das alte stille Schloß in Waldesruh! Trotzdem schrieb sie ihn hastig! Er wurde kurz.

Ich kann nicht Ihre Gattin werden. Aber ich danke Ihnen warm für die mir zugedachte Ehre...

Warum konnte sie es nun doch nicht? – Auf dem Tischchen lag ein Stoß geöffneter Briefe, die sie in Dresden und Weimar erhalten hatte. Schwärmerische Ergüsse – –

Nun brach sie wieder hervor, die alte heiße, wilde Sehnsucht nach dem Geliebten. Das mühsame Versteckspiel mit den eigenen Gefühlen war nutzlose Marter. Ihre Seele gehörte ihm auf ewig.

Wie erlöst atmete sie auf, als draußen die Klingel ging. „Wirklich kommt er,“ dachte sie befriedigt, während sie hinausging.

Sie konnte den Eintretenden in dem Zwielicht nicht sogleich erkennen und ahnte doch sofort, wer er sei! Ihr Herz begann wie rasend zu pochen.