„Dies mühsam abgedarbte Scherflein Ihrer guten Mutter wollten Sie so hinwerfen, Eva?“

„Schelten Sie nur! – Schön und verführerisch bleibt der Gedanke doch. Da geht eine Prinzessin oder zum mindesten eine Millionärin, würden sie sagen und sich nach mir umdrehen. Und würden vor Neid fast platzen. Und ich lache mich halb tot und freue mich.“

Da brach jene oft bekämpfte Verständnislosigkeit, die den eigentlichen Wert des Geldes garnicht begriff, wieder durch. Scheinbar war sie unbesiegbar. Die Präsidentin beschattete die Augen mit der Rechten. Es war doch nicht möglich, daß sie ohne ihren alten Freund und Rechtsbeistand die Bestimmung über Eva von Ostrieds zukünftiges Erbe traf.

Eva von Ostried hatte keinen Augenblick die Empfindung, etwas Unrechtes ausgesprochen zu haben. Sie lief fröhlich der Post entgegen, die soeben, nach dem langhallenden Klingelton, in den am Gitter angebrachten Kasten hineingeschoben wurde. Bald darauf hielt die Präsidentin einen an sie gerichteten Brief in der Hand. Die Schrift auf dem Umschlag war ihr fremd. Ohne sonderliche Eile öffnete sie ihn. Ihre häufig auch nach außen hin betätigte Herzenswärme brachte ihr fast täglich die bittenden Jammerrufe Notleidender ins Haus. Als sie die wenigen Zeilen überflogen hatte, erblaßte sie und sagte weich und zärtlich:

„Du sollst mich nicht vergeblich gerufen haben.“

3.

Solange Eva von Ostried im Hause der Präsidentin weilte, hatte sich jene noch niemals von einer Aufregung sichtbar beherrschen lassen. Zu allen Zeiten wußte sie das wohltuende Gleichmaß einer abgeklärten Ruhe zu bewahren. Jetzt aber sprang sie mit den Zeichen einer großen Erregung auf und ging hastig in dem blumengeschmückten Zimmer auf und nieder. Dabei ließ sie den soeben empfangenen Brief keinen Augenblick aus der Hand. Immer wieder überlas sie ihn und fuhr zuweilen sanft darüber hin, als ob sie etwas Liebes streicheln wolle. Endlich blieb sie vor Eva stehen.