„Meine alte, liebe Jugendfreundin mußte mich erst rufen, ehe ich mich zu ihr finde. Was hilft es, daß ich fest entschlossen war, diese Reise anzutreten? Da steht, daß sie sich längst nach mir gesehnt hat und mich nur nicht früher zu rufen wagte, weil sie Rücksicht auf mein Herzleiden nehmen wollte. Wenn ich nun zu spät käme.“

Ehe Eva etwas darauf erwidern konnte, las sie das Schreiben vor:

„Wundere Dich nicht, meine liebe Hanna, daß ich mit Blei schreibe und daß der Umschlag fremde Handzeichen – nämlich diejenigen einer liebevollen Pflegerin – trägt. Es geht mir nicht gut. Ich hatte vor einigen Wochen den Fuß gebrochen und war seitdem zu strenger Ruhe verurteilt. Alles schien einen günstigen Verlauf zu nehmen, bis eine Lungenentzündung hinzutrat, die mir viel Schmerzen macht. Zwar bin ich stets, wie Du weißt, ein harter Mensch gewesen, aber man kann doch nichts voraussagen.

Ich habe Sehnsucht nach Dir, Hanna, und würde mich innig freuen, wenn Dir Deine Gesundheit endlich gestattete, zu mir zu kommen. In diesem Fall telegraphiere ausführlich. Du wirst dann von meiner Pflegerin, die nachmittags stets ein Stündchen spazieren gehen muß, auf dem Bahnhof erwartet und in mein Haus geleitet werden.

Deine alte treue

Maria Wunsch.“

Dann sagte sie eilig und fest:

„Bringen Sie mir sogleich das Kursbuch, Eva, und beauftragen Sie Pauline, daß sie den kleinen Handkoffer herunterschafft. Das weitere besprechen wir, sobald ich das Telegramm mit der genauen Ankunftsbestimmung fertig habe.“

Eva von Ostried legte die Hand bittend auf den Arm der Präsidentin.

„Sie dürfen unmöglich reisen! Denken Sie daran, wie eindringlich Geheimrat Schwemann vor jeder Anstrengung und Aufregung gewarnt hat. – Wenn ich auch gelobe, daß Sie sich über keine meiner Vergeßlichkeiten ärgern sollen – wenn ich selbst auf der Reise und während unseres Aufenthalts sehr tüchtig und umsichtig sein will – so würde es doch zu viel für Sie werden.“