Da mußte Eva von Ostried sich fügen. Sie tat es langsam und widerwillig. Als die Präsidentin sie noch einmal zurückrief, hoffte sie auf eine Sinnesänderung. Es handelte sich aber um etwas Nebensächliches, das nichts an dem Beschlossenen änderte.

„Noch schnell etwas über mein Reisekleid,“ sagte die Präsidentin frisch, „meine gute Maria liebte einst besonders ein schwarzes, schlichtes Seidenkleid an mir, das ich seit Monaten nicht mehr trug, weil es mir zu feierlich war. Sie finden es sorglich verpackt in der zweiten Bodenkammer in dem alten Schrank. Streng modern ist es natürlich längst nicht mehr. Gleichviel – ich will ihr die Freude machen nach der langen Zeit darin unser Wiedersehen zu feiern. Sie wird daran auch merken, wie treu ich selbst das Kleinste und Unwichtigste aus unserm Verkehr im Gedächtnis bewahre.“

Eva von Ostried wagte keine weiteren Einwendungen.

Der ruhige, durchaus bestimmte Ton, in dem die Präsidentin gesprochen, ließ sie erkennen, daß auf dem bisherigen Wege keine Sinnesänderung zu erwarten stand. Ihr Herz klopfte in einer jäherwachten, ihr selbst unbegreiflichen Angst. Vielleicht würde die alte Pauline mehr ausrichten. – Die treue Dienerin schüttelte den Kopf, als Eva ihr in hastigen Worten das Nötige mitteilte.

„Sie hat es sich vorgenommen. Dagegen können wir nichts machen,“ meinte sie bedrückt.

„Versuchen Sie doch wenigstens ihr abzureden, Pauline,“ bat Eva von Ostried eindringlich. „Wer so lange wie Sie mit ihr zusammen gewesen – ihr gedient – sie umsorgt, und schließlich auch das Schwerste, den Tod ihres Gatten mit durchgemacht hat, der muß verstehen, wirkungsvoller als ich zu bitten.“

Das faltige Gesicht senkte sich kummervoll.

„Wie wenig kennen Sie unsere Frau Präsidentin noch, wenn Sie daran glauben. Ja – käme es hierbei allein auf sie an. Wäre das eine Reise zur bloßen Erholung. – Eigensinnig war sie nie und für ordentliche Ratschläge hatte sie immer ein offenes Ohr, auch wenn sie so ein einfacher Mensch gab, wie unsereins. Es geht aber um Jemand, dem sie gut ist und gegen den sie etwas wie ein böses Gewissen hat. Da ist sie nicht zu halten. Nein, Fräuleinchen, wir beide können bloß den lieben Gott innig bitten, daß er sie uns gesund zurückschickt.“

Das sonderbar beklemmende Gefühl wollte Eva von Ostried nicht freigeben. Stärker wurde ihre Unruhe. Sie war fieberhaft fleißig, weil sie hoffte, ihre Gedanken dadurch abzulenken. Allein auch dies Mittel versagte. Schließlich, als sie mit den hauptsächlichsten Vorbereitungen zur Reise fertig geworden, setzte sie sich auf Frau Melchers besonderen Wunsch an den Flügel und begann deren Lieblingslied zu singen: