Eva hob die tränennassen Augen zu der Gütigen empor.

„Haben Sie mir wirklich jene Eigenmächtigkeit in Oeynhausen voll vergeben,“ fragte sie leise.

„Ich will zugestehen, daß ich anfangs schwer darunter gelitten habe. Nun ist längst alles wieder gut. Lassen Sie sich sagen, daß ich Sie wie mein eigenes Fleisch und Blut liebe. Ja – Eva, daran denken Sie stets. Nicht nur heute und morgen, sondern auch und besonders, wenn Sie einst ohne mich wandern müssen. – Jetzt aber genug von diesen Dingen. Wir wollen uns nicht unnötig weich machen.“

Da fühlte sich Eva endlich von dem unerklärlichen Alp befreit und jauchzte ein zartes Frühlingslied heraus. Die Präsidentin nickte lächelnd und dachte:

„Wie weich und gut sie ist, trotz ihrer Fehler und wie liebenswert. – Warum habe ich mir so viel Sorgen um sie gemacht? Ein Blumengarten ohne Unkraut ist doch eine Unmöglichkeit. Ich werde mit Gottes Hilfe schon das Wuchernde mit Stumpf und Stiel ausrotten. – Schwere Aufgaben sind allemal die lohnendsten.“

Und sie strich in mütterlicher Zärtlichkeit heimlich über Eva von Ostrieds Aermel, ohne daß diese in ihrer begeisterten Versunkenheit etwas von der stillen Liebkosung merkte. Seit langen Jahren war der Präsidentin nicht so leicht und glücklich zu Sinn gewesen, wie in dieser Stunde.

*

Um elf Uhr am nächsten Vormittag war die Abreise endgültig festgesetzt. Die alte Pauline hatte es sich nicht nehmen lassen, trotz der Abwehr der Präsidentin einen riesigen Strauß bunter Astern und letzter Rosen zu binden. Sie war gerade damit beschäftigt, ihn an die Schirmhülle zu befestigen, als die Glocke der Gartenpforte anschlug.

„Wir dürfen jetzt keinen Besuch annehmen,“ flüsterte Eva von Ostried der Getreuen zu. „Die letzte Stunde muß Frau Präsidentin möglichst ruhig verbringen. Hören Sie nur, wie stürmisch geklingelt wird.“