Sobald er gegangen war, rief die Präsidentin Eva von Ostried herein, deutete auf das noch ausgebreitete Geld und sagte eilig:

„Das hat er mir soeben zurückgezahlt. Es kann natürlich nicht im Haus bleiben. – Die Einbrüche in der Nachbarschaft mehren sich. Bringen Sie es sofort auf die Bank, liebe Eva. Wie günstig, daß wir sie gleich an der nächsten Ecke haben. Sie wissen, ich bin durchaus keine ängstliche Natur. Nach den jüngsten Erfahrungen unserer Bekannten, denen die leichtsinnig im Schreibtisch aufbewahrte Summe gestohlen wurde, ohne daß der Dieb bisher zu ermitteln gewesen, würde mir aber der Zwang hierzu die ganze Reise verderben. Geschenke mache ich über alles gern. Nur eine Unachtsamkeit, aus welcher ein verdienter Verlust käme, würde ich mir schwer vergeben.“

Eva hatte bereits den Hut aufgesetzt.

„Und ich würde vor lauter Angst und Verantwortlichkeitsgefühl keine Minute ruhig schlafen können,“ gestand sie. – Im Laufschritt eilte sie durch den Vorgarten und stand nach wenigen Minuten vor dem stattlichen Gebäude der Großbank. Ihre Hand lag schon auf der eisernen Klinke neben der schweren zurückgeschobenen Schutzrollwand, als ihr Blick auf eine Mitteilung fiel, die in der Mitte der Tür angebracht war:

Heute wegen Revision der Kassen geschlossen. Einen Augenblick stand sie wie erstarrt. Dann, als die Uhr irgend einer öffentlichen Anstalt schlug, ward sie mit Schrecken inne, daß in einer halben Stunde die Fahrt zum Bahnhof beginnen müsse. Krampfhaft die kleine Ledertasche umklammert haltend, eilte sie zurück.

Was sollte nun mit dem Geld geschehen? – Durfte sie zugeben, daß sich die Präsidentin beunruhigte? Ja mehr als das – daß sie bei ihrem stark entwickelten Gefühl zur Ordnung und Vorsicht keinen Augenblick von dem quälenden Gedanken an den aufgezwungenen Leichtsinn befreit sein würde. Immerhin – es half nichts! Gemeinsam wollten sie ein möglichst sicheres Versteck heraussuchen. Vielleicht wußte die alte Pauline gar einen eisernen Kasten, den sie nach dem Muster mißtrauischer Altvordern etwa im Keller vergraben könnten. Als sie sich dies ausmalte, mußte sie lachen. Das befreite sie von allem Bangen. Ein neuer Gedanke kam ihr, wurde kaum geprüft, sondern sogleich als der einzig mögliche Rettungsweg empfunden. War es nicht geradezu ihre heilige Pflicht, der herzensguten Präsidentin und zweiten Mutter diese ihr plötzlich durchaus nicht übertrieben erscheinende Sorge abzunehmen? Als sie die Villa erreicht hatte, wartete dort schon die zuvor bestellte Droschke.

„Es ist ja noch viel zu früh,“ rief sie dem Lenker zu. Der schwippte als Antwort nur mit der Peitsche. Erst als sie, lauter und ungeduldiger, ihre Worte wiederholte, ließ er sich zu einer knappen Erwiderung herbei.

„Meinem Fuchs is et all zu spät und auf den Fuchs kommt et ganz alleen an, Fräulein.“ Das allerdings mußte sie zugeben. Die Präsidentin erwartete sie – fertig zum Einsteigen – bereits voller Ungeduld.