„Nun, ist alles erledigt, Eva?“ Ein leises Rot stieg bis unter die lockigen, braunen Haare in die weiße Stirn.
Eine Sekunde blieb die Antwort aus. Ihre Augen hielten dem forschenden Blick nicht stand. Ein jäher Widerwille gegen die beabsichtigte Lüge stieg in ihr auf. Aber die sichtliche Unruhe der Präsidentin beendete ihr kurzes Schwanken. Sobald die Bank wieder geöffnet würde, kam ja doch alles in Ordnung...
„Ja, es ist ordnungsmäßig eingezahlt.“ Dann zeigte sie, scheinbar empört, nach draußen: „Hören Sie nur den alten, unfreundlichen Kutscher. Jetzt beginnt er, so laut er nur kann, auf uns zu schelten, weil wir seinen Fuchs warten lassen und jetzt – halt – halt – Mann – wir kommen ja schon.“ War er wirklich im Begriff gewesen, ohne sie davon zu fahren, wie sie es der erschrockenen Präsidentin zurief?
Leichtfüßig sprang sie als Erste in den Wagen, half der Präsidentin fürsorglich hinein, während die alte Pauline, bedächtig und kräftig mit beiden Armen nachschob, nickte noch einmal freundlich den Rückbleibenden zu und sprach alsdann mit drolligem Eifer, allerhand unwichtige Kleinigkeiten fragend, auf die Präsidentin ein.
– – Schön war’s doch, dies Alleinsein!
An dem Gefühl, das wider Willen über Eva von Ostried kam, als sie vom Bahnhof zurückgekehrt, in die hohen Zimmer eintrat, merkte sie, wie streng eingeteilt sonst ihr Tag sein mußte. Mit unbeschreiblicher Wonne warf sie sich in den bequemsten Lehnstuhl und summte ein Lied vor sich hin.
War die Präsidentin auch engelgut – empfand sie selbst eine nie verlöschende Dankbarkeit für sie daran, daß diese beliebig über ihre Zeit verfügen konnte und natürlich auch verfügte, änderten diese Gefühle nichts das Geringste. Eva von Ostried wußte plötzlich, wie heiß ihr Sehnen – nicht zuletzt nach dem verlorenen Recht der Selbstbestimmung – die ganze Zeit gewesen war. Mit einem Schauer des Entsetzens gedachte sie ihrer beiden erste Stellen, die sie, nach dem Tod des Gönners, sofort anzunehmen gezwungen war. Zwar hatte ihr der Amtsrat Wullenweber, dem sie von dieser Veränderung Kenntnis geben mußte, vorübergehend seine Gastfreundschaft geboten, „wenn sich durchaus nicht schnell ein anderer Ausweg finden lasse,“ aber der Gedanke, aus dem warmen, mit feinstem künstlerischen Geschmack eingerichteten Heim des verstorbenen Meisters in sein ihr kahl und ungemütlich in Erinnerung lebendes Haus, als eine nur ungern Geduldete, unterzuschlüpfen, dabei jeden Augenblick die tiefroten Türme des alten Waldesruher Schlosses in der Nähe zu sehen – hatte etwas Unerträgliches für sie gehabt. Lieber ließ sie sich von einer anspruchsvollen, ungerechten Herrin bis an die Grenze ihrer Kraft quälen – bis sie es eines Tages dann doch nicht länger ertragen konnte und weiterzog, zur nächsten, bei der es ihr auch nicht viel besser erging.
Nun waren die zahlreichen Wunden der kleinen, täglichen Nadelstiche längst verheilt. Sie lebte, umgeben von Nachsicht und Güte, bei der edelsten aller Herrinnen und dennoch – – War sie ehrlich mit sich, mußte sie zugeben, daß einzig der Gedanke an die Zukunft sie tapfer auf dem Wege kleinlicher Pflicht weiterlaufen ließ. Hätte sie keine Aussicht gehabt, sehr bald ihre geliebten Studien wieder aufzunehmen, wäre ihr vielleicht auch diese warme Stätte allmählich zur Hölle geworden. – Mit geschlossenen Augen träumte sie sich in die Zeiten hinein, die nach dem Frühjahr ihrer warteten. Gewiß – es würde viel Arbeit – Kampf und Fleiß kosten. Unstreitig auch wiederum Tage geben, an denen sie am eigenen Können verzweifelte.
Danach aber mußte die köstliche Erfüllung aller Sehnsucht kommen! – Sie hatte den Schatz in ihrer kleinen Handtasche völlig vergessen. Achtlos lag er auf dem Tisch, während sie mit leichtgeöffneten Lippen den köstlichen Duft der blühenden Huldigungen zu trinken schien, die ihrer in der goldenen Ferne harrten!