– Um die dritte Nachmittagsstunde dieses Tages kam Ralf Kurtzig, der alte Meister und frühere langjährige Parsifal des Bayreuther Festtempels. Er beschäftigte sich am Feierabend seines Lebens damit, fleißig nach gottbegnadeten Talenten Umschau zu halten. So fand er auch im Hause des jüngeren Kollegen Eva von Ostried, die Vielversprechende. Zu spät hatte er, von einer langen Reise heimkehrend, den Tod des Kammersängers erfahren und die Pforten seines reichen, gastlichen Heims verschlossen gefunden. Sofort dachte er an Eva von Ostrieds Zukunft, denn ihre Mittellosigkeit war ihm bekannt geworden. Fieberhaft hatte er nach ihr gesucht. Aus rein künstlerischem Interesse, wie er es vor sich erklärte. In Wahrheit trieb ihn – tief versteckt und von ihm selbst noch nicht erkannt – ein spätes, leidenschaftliches Feuer. – Ihre Spur schien verweht. Er hockte im vierten Rang der Oper, um ihr zu begegnen. Weil sie Schuberts reine Kunst über alles geliebt hatte, versäumte er keinen dieser Liederabende. Es blieb vergeblich – bis er sie an der Seite der ihm durch eine reiche Schenkung an die Bühnengenossenschaft bekannten Präsidentin in einem philharmonischen Konzert wieder sah.

So kams, daß er – eingeweiht in Frau Melchers ihm zuerst grausam erscheinende Pläne – ihr Lehrer wurde.

Es gab kaum Jemand, der sparsamer mit seinem Lob umging, wie er. Darum blieb es auch das höchste Streben seiner wenigen Schüler ihn wenigstens nicht zum Tadel zu reizen. – Heute lief ihm Eva wie ein ausgelassenes Kind entgegen. Die verhaltene Ehrfurcht vor seiner weisen Künstlerschaft war sprühender Daseinsfreude gewichen. Er empfand das sofort und freute sich heimlich daran.

Der Mensch sprach in ihm vor dem Künstler. Das geschah selten.

„Wie schön sie ist,“ mußte er denken und weiter, „die wundervolle Herbheit, von der sie selber nichts ahnt, wird ihr den Weg, den sie gehen muß, nicht leicht machen.“ Er fühlte, verwundert, daß ihn diese Gewißheit verjüngte, verlor eine Sekunde die kühle, sichere Ueberlegenheit und beschattete die Augen, als blende ihn das rote Licht, das ungehindert durch die Bogenfenster der Diele in das Musikzimmer quoll. Dann hatte er sich wieder in der Gewalt und sagte in dem spöttelnden Ton, mit dem er jede warme Regung bestrafte:

„Ihr alter Gralhüter meldete bereits, daß die hohe Herrin dieses Zauberschlosses verreist sei. Sie murmelte daneben noch allerlei von Früchten und Beeren, die Ihre tätige Mitwirkung verlangten.“

Sie sah mit bittenden Augen zu ihm auf.

„Sie sind mir noch ein Geburtstagsgeschenk schuldig,“ bettelte sie.

„So –“ machte er gedehnt, „seit wann denn?“