Endlich bewegten sich die welken Lippen nur noch mechanisch. Der Kopf sank schwer auf die Brust herab. Sie träumte, daß ihre gute Frau Präsident ungeduldig nach ihr klingele und fuhr mit einem lauten Schrei aus dem unruhigen Schlaf empor.

– – Eva von Ostrieds tiefe, gleichmäßige Atemzüge bewiesen sehr schnell, daß Sorge, Gedanken und Freude in dem Schlummer beneidenswerter Jugend ausruhten. Sie vernahm nichts von dem anhaltenden Schrillen der kleinen Glocke an der Gartenpforte. Erst das Klopfen an die eigene Tür ließ sie auffahren.

Die alte Pauline stand, mit einem Telegramm in der Hand, vor ihr. Und sie riß – nun auch von einem sonderbar kalten Gefühl gepackt – die blaue Verschlußmarke in der Mitte durch – –

4.

Es war – doch – nicht möglich! –

Jeder Blutstropfen wich aus Eva von Ostrieds Gesicht. Ein eiserner Reif schien sich um Brust und Schläfe zu pressen. Sie stand plötzlich in der Mitte des Zimmers, suchte nach ihren Kleidern und fand nichts, als das Flimmern des Mondes, der überall seine Silbermünzen aufzählte. Ihre Glieder begannen so stark zu zittern, daß sie kraftlos auf einen Stuhle sank und den einzigen Wunsch hatte, die Hände der alten Pauline zu fassen, damit dies entsetzliche Grauen vor ihr wiche.

Das alte Mädchen starrte auf das Telegramm, das zu Boden geglitten war. Die helle Nacht durchleuchtete jeden Winkel mit jenen silbernen Schlafenstunden, von denen die Präsidentin behauptete, daß sie auch den unruhvollsten Seelen den Frieden schenkten. Eine Ahnung, zu grauenvoll, um zu Ende gedacht zu werden, erschütterte die beiden Menschen.