Da löste sich der Krampf eisiger Kälte in Eva von Ostrieds Seele in einem Schrei auf. Die Hände der alten Pauline tasteten das Blatt vom Boden empor. Mühsam buchstabierte sie Wort um Wort:
Dame mit Ausweis Präsident Hanna Melchers, Grunewald und Ihrer Adresse soeben in Wartesaal 2. Klasse Herzschlag erlegen. Leiche zur hiesigen Halle überführt.
Belgard a. Persante.
Bahnhofsdirektion.
– – Es war immer noch Nacht. Das Warten auf das erste Morgengrauen wurde unerträglich. Auf dem Tisch aus heller Birke lag das Kursbuch, das Eva vergessen hatte, in die Handtasche der Präsidentin zu legen. Es war noch aufgeschlagen. Trotzdem fand sie nicht, was sie suchte.
Und man mußte doch zu ihr!
Sie saßen dicht beieinander und schwiegen. Nur einmal flüsterte die alte Pauline:
„Sie wird auch wohl dies längst bedacht haben. Der Justizrat weiß sicher mit allem Bescheid.“
Nun warteten sie darauf, daß man endlich einen Kranken, dessen Nachtruhe nicht gestört werden durfte, um Rat fragen konnte. – Sobald im Osten der erste rosige Streifen den Morgen ankündigte, telephonierte Eva von Ostried in seine Privatwohnung. Er antwortete ihr selbst. In seiner Stimme war weder Entsetzen noch Staunen, als er es gehört hatte.
„Sie haben alles zur Reise nach Belgard vorbereitet, Fräulein von Ostried? Das war überflüssig! Ich fahre selbst. Und zwar – warten Sie mal – so – ich hab’s schon – mit dem Vormittagszuge um 9 Uhr. Alles weitere später. Ich werde Ihnen von dort Nachricht geben.“
Eva wagte eine Einrede.