„Sie sind sicher noch krank, Herr Justizrat. Wird es Ihr Arzt erlauben?“

Kurz und klar tönte seine Erwiderung:

„Ich habe ihr dies versprochen, denn sie hat mit ihrem unerwarteten Tode stets gerechnet. Sie beide halten sich natürlich zu Hause, damit Sie jederzeit meine Nachricht sofort trifft.“ –

Nun galt es wiederum zu warten!

Eva saß zusammengekauert an dem Platz, von dem aus sie der Präsidentin deren Lieblingslieder gesungen hatte. Auf dem Flügel stand noch das Solveiglied von gestern.. Und durch das Entsetzen schlich sich die Ahnung, daß sie jetzt ganz frei war.

Sie schämte sich, weil sie daran zu denken vermochte. Der Weg zur Kunst lag lockend vor ihr. Ihre Seele war sehnsüchtig und weich wie nie zuvor. Die scheue Ahnung wuchs schnell zur freudigen Gewißheit – und bepflanzte ihren Weg mit köstlichen Blumen. – Sie dachte innig an die Tote und konnte doch bereits wieder das fordernde – schöne Leben fühlen.

Dagegen half keine heiß aufwallende Scham. – Die Zukunft war rosenrot. – Das stille Gesicht der Toten mußte kalt und wachsbleich sein. – Eine neue Empfindung überkam sie. Wie sie wähnte, ganz rein und frei von allem Irdischen. – Sie wurde davon vor dem Bild, das die Präsidentin als junge Frau darstellte, auf die Knie gezwungen. – Das kluge, gütige Antlitz erschien ihr wie das eines Vergebung und Verstehen auf sie herablächelnden Engels. Niemals glaubte sie die mütterliche Frau mehr geliebt und verehrt zu haben, wie in diesen Augenblicken!

Die Empfindung stärkster Dankbarkeit löste ihr auch die ersten Tränen aus. Daß sie fortan frei und unabhängig sein durfte – fern ab von der grausamen Not, die der Alltag bringen kann – das war das Werk der Toten, von dem sie erst, als bestimmt beabsichtigt, in Oeynhausen Kenntnis erhielt. – Während ihre Tränen unaufhaltsam rieselten, hörte sie Melodien, von denen kein anderes Ohr einen Laut vernehmen konnte. Und ahnte nicht, wie sehr sie – mit diesem Ausdruck der Reinheit und Entrücktheit – ihrer verstorbenen Mutter glich. Nur, daß jene allzeit ihre reiche Begabung vor fremden Augen wie ein köstliches Geheimnis verborgen gehalten, während ihre Tochter nach Anerkennung und Ruhm fieberte.

– – Die Schrecken des Todes waren überwunden. – Der goldene Traum vom Leben war zu schön. – Der ausdrückliche Wunsch der Präsidentin, neben dem Gatten, der in der Waldesruhe des Stahnsdorfer Friedhofes schlief, beigesetzt zu werden, hatte sich erfüllt. Die kleine, würdige Feier, von welcher – ebenfalls nach der Bestimmung der Verblichenen ihren Bekannten erst am folgenden Tage Kenntnis gegeben werden durfte, war vorüber. Justizrat Weißgerber, noch blaß und matt von der kaum überstandenen Erkrankung, saß vor dem Schreibtisch der Präsidentin und hatte beide Hände auf die Schriftstücke gelegt, die er – nach ihrer Bitte – zur gründlichen Durchsicht mit in sein Heim nehmen wollte.