„Nun sollen Sie auch endlich näheres über ihre letzte Stunde hören, Fräulein von Ostried,“ sagte er dabei zu Eva. „Ich mußte mich gestern kurz fassen. Die Zeit war karg bemessen. – Sie wissen, daß sie einen ungefähr einstündigen Aufenthalt in diesem kleinen pommerschen Städtchen nehmen mußte. Kellner und Wirt berichteten mir übereinstimmend davon. Zuerst hat sie eifrig geschrieben, wie sie das auf Reisen gern tat. Wir sprachen einmal über diese ihre Angewohnheit. Sie meinte, mancherlei Vergessenes und Versäumtes käme auf diese Weise bei ihr zu seinem Recht. Briefe und Karten behaupteten freilich die Beiden hinterher nicht aufgefunden zu haben. Aber, sie kann ja auch das Geschriebene noch selbst in den Kasten gesteckt haben. Entfernt soll sie sich jedenfalls auf wenige Minuten haben. Kurz darauf hat sie einen leichten Herzkrampf gehabt. Die Frau des Bahnhofswirts hat ihr beigestanden und ihr auch eins ihrer Eigenzimmer zum Ausruhn angeboten. Das lehnte sie indessen ab. Nur ein Glas starken Weines soll sie sehr hastig getrunken haben. Offensichtlich tat ihr das wohl, denn sie hat bald darauf den Hilfreichen in ihrer uns zur Genüge bekannten gütigen Art gedankt und dem Kellner ein sehr reiches Trinkgeld gegeben, obschon sie noch eine kleine halbe Stunde bleiben mußte. Wenig später hat sich der Anfall wiederholt. – Der Arzt wurde gerufen und hat nur noch ihren Tod feststellen können. Das andere wissen Sie ja.“

Eva von Ostried tat mit zuckenden Lippen eine Frage:

„Ob sie wohl noch – sehr – gelitten hat.“ – Das Staunen über das, was der Jugend unfaßbar grausam erscheint, durchfror sie von neuem.

Der Justizrat schüttelte den Kopf.

„Sie hätten den Ausdruck des Friedens sehen müssen, der auf ihrem Gesicht lag.“ – Dann fragte er und in seiner Stimme war ein Klang von Neugier:

„Warum mochten Sie übrigens nicht neben Pauline sein, als der Sarg hier noch einmal geöffnet wurde, wie sie auch dies erlaubt hatte, wenn einer von Ihnen den Wunsch danach äußerte?“

Eva von Ostried zögerte mit der Antwort.

„Ich habe meinen toten Vater gesehen –“ Es klang wie das Geständnis von schwer überwundenem Grausen.

„Ich glaube wohl, daß es kaum noch Jemand mit einem so geringen Schuldkonto, wie sie es hatte, geben kann,“ meinte er sinnend.

„Sie sind überzeugt, daß der Friede in ihren Zügen daher gekommen sei?“