„Ich bestimme ferner, daß meine gute Pauline Müller, in dankbarer Anerkennung ihrer nahezu dreißigjährigen mir treu geleisteten Dienste bis zu ihrem Tode aus meinem Nachlaß monatlich die Summe von einhundert und fünfzig Mark erhält. Außerdem soll sie sich nach Ihrer Wahl die Möbelstücke für zwei Stuben aussuchen und alles dasjenige an Wäsche und Kleidern, was ihr zu besitzen wünschenswert erscheint.
Mein Testamentsvollstrecker und Freund, Justizrat Dr. Weißgerber, möge freundlichst bei dieser Wahl an einem von ihm zu bestimmenden Tage zugegen sein –“
Das alte Mädchen regte sich noch immer nicht. Sie war sehr rot und ihre Hände zitterten, trotzdem sie sie fest zusammengelegt hatte. Sie nahm langsam das Schreiben wieder an sich. Ihre Blicke suchten eine bestimmte Zeile, die ihr die wichtigste erschien. – Schwerfällig buchstabierte sie, während ihr die Tränen über die Wangen liefen:
– Meine gute Pauline Müller –
– Eva von Ostried harrte seither einer ähnlichen Mitteilung. Sie war erstaunt, daß sie nicht mit der gleichen Post ebenfalls die amtliche Benachrichtigung empfangen hatte. Als der zweite Tag ereignislos zu Ende ging, wollte sie sich an den Justizrat wenden. Aber – schon zum Ausgehen bereit – empfand sie etwas wie Scham über ihre Ungeduld. Die Präsidentin hatte das Nichterfüllen von Versprechungen allzeit hart verurteilt. – Wie durfte sie auch nur einen Augenblick Zweifel hegen? Der nächste Tag – ja, vielleicht bereits die kommende Stunde – würden auch sie beglücken.
Mit fieberhafter Ungeduld widmete sie sich dem Aufräumen der Zimmer. Obgleich es ihr selbst sinnlos erschien, säuberte sie mit einer ihr sonst fremden, peinlichen Gründlichkeit jeden Winkel und vermied dabei dem Gedanken, der ihr wie ein Wahnsinn erschien, Raum zu geben.
In der Nacht fand sie keinen Schlaf. Die Eule schrie wieder. – Der Totenvogel, wie ihn die alte Pauline genannt hatte.
Was aber konnte ihr noch Lebendiges geraubt werden?
Das eine, große, letzte Hoffen, auf welches sich ihr Leben aufbauen sollte. Es duldete sie nicht länger im Bett. Sie erhob sich und riß die Fenster auf. Noch immer war Vollmond und silbernes Leuchten.
Wenn ihr die Präsidentin jenes Hintergehen in Oeynhausen doch nicht vergeben hätte – wenn sie erst noch abwarten wollte – und wartete – bis – es – nun – zu spät geworden?